Warum Mercedes-Benz mit Tomorrow XX wirklich etwas verändert
Tomorrow XX – Mercedes-Benz hat erneut eingeladen, um Einblicke in aktuelle Innovationen zu geben – diesmal mit einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Materialdenken. Ein Jahr nach der letzten Veranstaltung, bei der es um die Zukunft der Mobilität insgesamt ging, bin ich entsprechend gespannt: Welche neuen Antworten hat man gefunden? Welche Ideen weitergedacht? Und was hat sich seitdem konkret verändert?
„Innovation for 140 years“ steht über dem Abend. Ein Satz, der nach Tradition klingt – und doch in die Zukunft zielt. Denn was Mercedes-Benz unter dem Titel Tomorrow XX zeigt, ist kein einzelnes Konzeptfahrzeug und keine kurzfristige PR-Idee. Es ist ein Programm, das das Auto von der ersten Skizze bis zum Lebensende neu denkt – als System.

Seit 2022 wurden dabei gemeinsam mit Start-ups, Zulieferern und Forschungspartnern über 40 nachhaltige Bauteil- und Materialkonzepte entwickelt – in nur zwei Jahren. Recycling wird dabei nicht als Bonus betrachtet, sondern als Grundprinzip: so viel wie möglich zurückgewinnen, so viel wie möglich wiederverwenden, und dort, wo es geht, den CO₂-Fußabdruck deutlich senken – in einzelnen Fällen um bis zu 70 Prozent.

Nachhaltigkeit beginnt beim Denken
„Wenn wir die großen Schritte jetzt nicht gehen, werden wir unsere Ziele für 2039 nicht erreichen“, sagt Gunnar Güthenke, Head of Procurement and Supplier Quality
Mercedes-Benz AG. Gemeint ist die angestrebte CO₂-Neutralität über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Tomorrow XX setzt genau an diesem Punkt an – mit zwei Leitplanken: Design for Environment und Design for Circularity.

Mercedes-Benz AG (Foto: Mirella SIdro)
Das klingt zunächst abstrakt, ist aber im Kern eine ziemlich konkrete Frageliste. Jedes Bauteil muss sich rechtfertigen:
- Wie viel Material braucht es wirklich?
- Kann man es reparieren, demontieren, recyceln?
- Und wird aus dem Teil am Ende seines Lebens idealerweise wieder eine Ressource fürs nächste Fahrzeug?
Der Anspruch dahinter ist unbequem – und genau deshalb spannend: Nachhaltigkeit soll bei Mercedes-Benz kein Kompromiss sein. Qualität, Sicherheit, Design und Komfort bleiben gesetzt. Mercedes Tomorrow XX
Monomaterialien statt Verklebung
Ein Hebel liegt in der Materialwahl. Statt komplizierter Verbundstoffe setzt Mercedes-Benz zunehmend auf Monomaterialien – Bauteile aus einer Materialfamilie, die sich sortenrein recyceln lassen. Kreislaufwirtschaft wird erst dann wirklich möglich, wenn man nicht erst mit Gewalt auseinanderreißen muss, was vorher „für immer“ verklebt wurde.
Technisch wird das über neue thermoplastische Nietverbindungen möglich, die sich wieder lösen lassen. Was früher verklebt war, wird heute verschraubt oder gesteckt. Das vereinfacht Reparaturen, senkt Kosten – und verbessert ganz nebenbei die Recyclingfähigkeit. Kleine konstruktive Änderungen, große Wirkung.

Reparieren statt ersetzen: der kreislauffähige Scheinwerfer
Greifbar wird das beim Beispiel Scheinwerfer: Statt dauerhaft verklebter Einheiten bestehen Scheibe, Gehäuse, Elektronik und Rahmen aus einzeln lösbaren Modulen. Ein Steinschlag bedeutet dann nicht mehr „alles neu“, sondern: nur die Abdeckscheibe tauschen. Das wäre nicht nur nachhaltiger, sondern auch schlicht alltagstauglicher – und für Kundinnen und Kunden deutlich günstiger.
Gleichzeitig steigt die Recyclingqualität: Die Module bestehen jeweils aus einem Material und lassen sich sortenrein verwerten. Perspektivisch könnte der Rezyklatanteil nahezu verdoppelt und der CO₂-Fußabdruck im Vergleich zu heutigen Scheinwerfern fast halbiert werden.

Urban Mining: Der Mercedes von heute als Rohstoffquelle
„Werkstoffe sollen am Ende ihres Lebens nicht das Problem, sondern die Ressource sein.“ Mit diesem Mindset verfolgt Mercedes-Benz das Prinzip Urban Mining. Zusammen mit der TSR Group entsteht in Nordwestdeutschland ein Pilot-Rücknahmestandort für Altfahrzeuge, um Stahl, Aluminium und Kunststoffe gezielt zurückzugewinnen – und wieder in neue Fahrzeuge zu bringen.
Langfristig sollen in Neufahrzeugen bis zu 40 Prozent Rezyklatanteil möglich sein. Einzelne Aluminiumbauteile erreichen heute bereits bis zu 86 Prozent Post-Consumer-Material – etwa aus alten Felgen, Fensterrahmen oder Karosserieteilen.
Aluminium und Stahl neu gedacht
Aluminium und Stahl sind CO₂-Schwergewichte. Mercedes-Benz setzt hier auf mehrere Stellschrauben: erneuerbare Energien in der Produktion, höhere Schrottquoten und neue Verfahren.
Beim neuen CLA stammen bereits 40 Prozent des Aluminiums aus Elektrolyseanlagen, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden – das spart rund 400 Kilogramm CO₂ pro Fahrzeug. Beim Stahl geht es weg vom Hochofen, hin zu wasserstoffbasierter Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen: Ergebnis sind Einsparungen von bis zu 60 Prozent CO₂, perspektivisch deutlich mehr.

Abfall wird Hightech
Tomorrow XX zeigt auch, wie „Abfall“ plötzlich Wert bekommt: Altreifen liefern Pyrolyse-Öl für Kunststoffe, aus denen Bauteile entstehen – und sogar eine biotechnologisch hergestellte Lederalternative, leichter, robuster und mit rund 40 Prozent geringerem CO₂-Fußabdruck als Echtleder.
Auch Airbags bekommen ein zweites Leben: Ihr glasfaserverstärktes Polyamid eignet sich für hochbelastete Bauteile im Thermomanagement – genau dort, wo Material wirklich etwas aushalten muss.
Recycelte Bremsbeläge: bis zu 85 Prozent weniger CO₂
Ein besonders starker Hebel versteckt sich ausgerechnet bei einem unsichtbaren Alltagsbauteil: Bremsbeläge. Über ein Rücknahmesystem (MeRSy) werden gebrauchte Komponenten gesammelt und wiederverwertet. In einem neuen Konzept können Abfälle aus alten Bremsbelägen mit bis zu 40 Prozent Anteil wieder in neuwertige Beläge einfließen – bei einer CO₂-Einsparung von bis zu 85 Prozent. Ergänzt wird das durch eine Rückenplatte aus CO₂-reduziertem Stahl. Noch Pilot – aber mit ungewöhnlich viel Substanz.

Unterbodenverkleidung aus recycelten Mischkunststoffen
Ein weiterer Schritt Richtung Kreislauf: eine Unterbodenverkleidung aus recycelten Kunststoffen von Altfahrzeugen – aus der sogenannten Schredderleichtfraktion, die früher oft thermisch verwertet wurde. Wenn dieses Material zurück in den Kreislauf geht, könnte der CO₂-Fußabdruck des Bauteils um bis zu 40 Prozent sinken. Das Bauteil wurde 2025 mit dem Materialica Award (Kategorie „Prozess“) ausgezeichnet und steht kurz vor der Serieneinführung.
BIONICAST®: Wenn die Natur Ingenieur wird
Nicht nur Materialien, auch Konstruktion wird neu gedacht. Mit BIONICAST® – einem bionischen Optimierungsansatz – wird Material so eingesetzt, wie es die Natur vormacht: nur dort, wo es statisch nötig ist. Ergebnis: leichtere, ressourcenschonende Bauteile, die trotzdem Sicherheits- und Serienanforderungen erfüllen. Im Vergleich zu konventionellen Konstruktionen lassen sich so bis zu 25 Prozent Gewicht und Material sparen.
Die Batterie als Schlüssel – und Kuppenheim als Signal
Der größte CO₂-Hebel bleibt die Batterie. Mercedes-Benz verpflichtet Zelllieferanten zur Nutzung von Grünstrom, forscht an Trockenbeschichtung von Elektroden und vermeidet umweltkritische Lösungsmittel wie NMP. Parallel steigt der Anteil recycelter Kathoden- und Anodenmaterialien.
Und dann ist da Kuppenheim: der Aufbau einer eigenen Batterie-Recycling-Pilotanlage als Meilenstein hin zum geschlossenen Wertstoffkreislauf – bevor das Batterievolumen der kommenden Jahre tatsächlich zum Problem wird. Nach Angaben von Vorstand Jörg Burzer ist das Europas erste Anlage dieser Art – und weltweit die erste, die ein Autohersteller selbst betreibt.

Schritt für Schritt in die Serie
Rund 75 Prozent der Komponenten kommen von externen Partnern – Nachhaltigkeit funktioniert hier nur im Verbund. Tomorrow XX ist deshalb kein fertiges Produkt, sondern ein Prozess: Einige Innovationen sind bereits in Serie, andere stehen kurz davor, wieder andere noch in der Forschung.
Die Zukunft der Mobilität entsteht nicht durch einen einzigen großen Wurf.
Sondern durch viele präzise Entscheidungen.
Vielleicht beginnt genau hier der Aufstieg eines neuen Mercedes-Sterns. Und genau darin liegt die eigentliche Innovation.

Zukunftsdenken lässt sich bei Mercedes-Benz nicht von Geschichte trennen. Mobilität war hier immer auch eine Frage von Mut. Als Bertha Benz am 5. August 1888 mit dem Patent-Motorwagen Nr. 3 105 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim und zurück fuhr, tat sie mehr als nur Geschichte zu schreiben: Sie war Investorin, Geschäftspartnerin und Ingenieurin, erfand unterwegs die Bremsbelege, organisierte Treibstoff aus Apotheken und löste technische Probleme, für die es noch keine Lösungen gab. Ihr Antrieb machte das Automobil sichtbar – und marktfähig. Dass ihr Beitrag jahrzehntelang übersehen wurde, gehört ebenso zu dieser Geschichte wie die späte Anerkennung. Genau diese Verbindung aus historischer Verantwortung und zukunftsgerichtetem Denken wurde bei Tomorrow XX spürbar: Nachhaltige Mobilität bedeutet nicht nur neue Antriebe, sondern den Mut, Systeme zu hinterfragen – und Wandel messbar zu machen.
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