Bosnien und Herzegowina bei der FIFA WM 2026: 7 Fakten, die Du kennen solltest
Am 02. Juli 2026, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, um 2 Uhr früh (MESZ), spielt Bosnien und Herzegowina gegen die Gastgeber USA – im Achtelfinale der WM 2026 in Santa Clara bei San Francisco. Es ist das erste K.-o.-Spiel der Geschichte der „Zmajevi“, der Drachen. Schon dabei zu sein, ist eine kleine Sensation: Ein Land mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern hat sich in den Play-offs ausgerechnet gegen den viermaligen Weltmeister Italien durchgesetzt – im Elfmeterschießen.
Doch wer in diesen Wochen genauer hinschaut, merkt schnell: Das eigentliche Phänomen sind nicht nur elf Spieler auf dem Rasen. Es sind die Fans. Wo Bosnien spielt, verwandeln sie Stadionvorplätze von St. Louis bis Seattle in kleine Stücke Heimat. Hier sind sieben Dinge, die Du über sie wissen solltest – und über das, was sie singen, tanzen, schwenken und ausschenken.
1. „I’m from Bosnia“ – die inoffizielle WM-Hymne
Als sich Bosnien für die WM qualifizierte, entrollten die Fans ein riesiges Banner: *„I am from Bosnia, take me to America.“* Die Zeile stammt aus dem Song „U.S.A.“ der Sarajevoer Band Dubioza Kolektiv – ursprünglich ein ironisches Lied über die Erfahrung bosnischer Auswanderer in Amerika, das die Band eigens für die Weltmeisterschaft umgeschrieben hat. Dass Bosnien nun tatsächlich in den USA spielt, macht den Refrain zu einem augenzwinkernden Volltreffer.
Warum dieses Lied so viel mehr ist als ein Ohrwurm – und was es über die bosnische Diaspora erzählt – habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.
👉 Hier geht’s zum ausführlichen Artikel über „I’m from Bosnia“
2. „Ljiljani“ von Halid Bešlić – das Lied, das wirklich jeder kennt
Ja, bosnische Fans sind etwas Besonderes: „Es gibt sehr wenige Nationalmannschaften und Länder, wo die Fans anstelle patriotischer Parolen Liebeslieder singen. Und das ist es, was uns bosnische Fans ausmacht – wir singen Liebeslieder für Bosnien”, erklärt mir Mirza Kurtalić, ein Fan aus Sarajevo.
Warum kennt es jeder? Weil Halid Bešlić es sang. Der König der Volkslieder war über vier Jahrzehnte hinweg die wohl beliebteste Stimme des gesamten ehemaligen Jugoslawiens – gehört und geliebt auf allen Kontinenten, wo Menschen vom Balkan leben. Seine Bescheidenheit, seine Menschlichkeit und seine humanitären Konzerte während des Krieges machten ihn zu weit mehr als einem Sänger. Er war eine Klammer, die hielt, wo die Politik längst gespalten hatte.
Am 7. Oktober 2025 ist Halid Bešlić in Sarajevo gestorben. Es gab Staatstrauer, über 20.000 Menschen versammelten sich an der Ewigen Flamme, in mehr als 150 Städten weltweit wurde seiner gedacht. Deshalb ist „Ljiljani“ bei dieser WM nicht nur Schlachtruf, sondern auch Hommage.
Bilder gingen um die Welt, als die bosnischen Fans im Stadion in Seattle dieses Lied sangen. Wenn die bosnischen Fans das Lied anstimmen „Ljiljani“ (dt. die Lilien), dann singt eine ganze Nation mit. Das Lied entstand in den 1980er-Jahren in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Nazif Gljiva und besingt die goldene Lilie, das Nationalsymbol Bosniens, in einem Liebeslied.
Als das Lied bei dieser WM von Zehntausenden im Stadion angestimmt wurde, wurde selbst DER Fussballgott Zlatan Ibrahimović sentimental. Und nicht nur Bosnierinnen und Bosnier hat diese Melancholie erwischt. „Ich verstehe nicht, worum es in diesem Lied geht“, schrieb jemand in den sozialen Medien, „aber wenn ich diesen alten Mann mit Tränen in den Augen sehe, der als Flüchtling zu uns kam und seine Heimat trotz aller Ferne noch immer in sich trägt – dann muss es etwas Großartiges sein.“
3. Die Bedeutung der Lilien-Fahne und weshalb die Nationalhymne keinen Text hat
Auf den Rängen weht sie überall: die weiße Fahne mit dem blauen Schild und den goldenen Lilien. In der Republika Srpska wird gern behauptet, das sei eine „Kriegsfahne“ aus den 1990er-Jahren. Das stimmt historisch nicht – und es lohnt sich, das richtigzustellen.
Die Lilie, *lilium bosniacum*, der „zlatni ljiljan“ (goldene Lilie), ist eine in Bosnien heimische Blume. Als Wappensymbol gehörte sie dem Hause Kotromanić, der Herrscherdynastie des mittelalterlichen Königreichs Bosnien. König Tvrtko I. übernahm das Lilienwappen 1377, als er sich zum ersten bosnischen König krönte. Das Symbol ist also über 700 Jahre alt und steht für Eigenstaatlichkeit, Souveränität und kulturelle Blüte – lange bevor irgendein Krieg des 20. Jahrhunderts geführt wurde.
Richtig ist nur: Von 1992 bis 1998 war die Lilienfahne die offizielle Staatsflagge der Republik Bosnien und Herzegowina, weshalb manche sie mit jener Zeit verbinden. 1998 wurde sie unter internationaler Mitwirkung durch die heutige, bewusst „neutrale“ Flagge (blau mit gelbem Dreieck und Sternen) ersetzt. Doch die Lilie verschwand nie – sie blieb das wichtigste bosnische Nationalsymbol und wird heute auch von der Föderation Bosnien und Herzegowina verwendet. Wer sie schwenkt, trägt Geschichte des Landes und kein Schlachtfeld.
Ein Detail, das vielen aufgefallen ist: Die offizielle Nationalhymne Bosnien und Herzegowinas, „Intermeco“, hat keinen Text. Und das hat politische Gründe. Die ältere Hymne „Jedna si jedina„, in den 1990ern von Dino Merlin arrangiert, wurde von serbischer und kroatischer Seite nicht anerkannt, weil sie als zu bosniakisch galt. 1999 verordnete der Hohe Repräsentant Carlos Westendorp deshalb per Dekret eine rein instrumentale Melodie, komponiert von Dušan Šestić aus Banja Luka, weil sich die drei Volksgruppen auf keinen gemeinsamen Text einigen konnten. Dabei ist es bis heute geblieben: Die Hymne ist nach wie vor wortlos. Die Fans allerdings füllen diese Stille mit den Worten der alten Hymne „Jedna si jedina“ („Du bist die einzige”).
4. Mehr als Sportler – ein Symbol für Frieden und Vielfalt
„Zmajevi“ – die Drachen – werden die Spieler der Nationalmannschaft genannt. Um zu verstehen, warum diese Mannschaft so gefeiert wird, auch dann, wenn sie verliert, muss man zurückdenken. Aus einem Land, dessen Bevölkerung in den 1990er-Jahren Krieg, Vertreibung und Völkermord erlebte, ist eine Elf erwachsen, die heute bei einer Weltmeisterschaft steht. Und diese Elf spiegelt das wahre Bosnien und Herzegowina wider: gelebter Multikulturalismus – genau jenes Volk, das in den 90ern als Volk ausgerottet werden sollte. Allein dass es diese Mannschaft gibt, ist für viele Fans ein Sieg, ganz gleich, wie das Spiel ausgeht. Deshalb feiern sie ihr Team auch dann, wenn es verliert.
Diese Elf erzählt die Geschichte eines ganzen Volkes – auch der Diaspora. Den entscheidenden Elfmeter gegen Italien, der Bosnien zur WM schoss, verwandelte ausgerechnet ein junger Spieler namens Esmir Bajraktarević. Seine Familie stammt aus Srebrenica, jenem Ort, der für den Völkermord von 1995 steht, und floh wegen des Krieges und seiner Folgen in die USA. Dort wurde Esmir geboren, dort begann sein Weg als Fußballer, dort tat er sich als eines der größten Talente seiner Generation hervor. Wie jemand treffend schrieb: Eigentlich hätte dieser Spieler nie geboren werden dürfen. Dass er heute das Trikot trägt und sein Land ins Achtelfinale schießt, macht diese Mannschaft zu weit mehr als nur Sport.
Auch andere Spieler kamen in Deutschland, in der Schweiz, in Skandinavien zur Welt. Es sind Kinder jener Familien, die der Krieg in alle Welt verstreut hat, und die heute für Bosnien und Herzegowina spielen. An ihrer Spitze steht Edin Džeko, mit 40 Jahren längst eine Legende (Manchester City, Roma, Inter), bei wohl seiner letzten WM – und doch voller Hunger wie bei seiner ersten.
5. Der Tanz vor dem Stadion – was ein Kolo ist
Wer vor Anpfiff zum Stadion kommt, sieht es schon von Weitem: Menschen fassen sich an den Händen, bilden Kreise und Ketten, und drehen sich im Takt von Akkordeon und Trompete. Das ist das Kolo, der südslawische Reigentanz, dessen Name vom altslawischen Wort für „Rad“ oder „Kreis“ kommt.
Das Schöne am Kolo: Es kennt keinen Anführer und keine Stars. Alle halten einander, alle gehen denselben Schritt, alle sind gleich. Genau deshalb steht der Kreis seit jeher für Gemeinschaft, Einheit und Zusammenhalt. Die Grundschritte sind so einfach, dass jeder mittanzen kann. 2017 wurde das Kolo in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
6. BH Fanaticos – das Herz der Fangemeinde
Hinter dem Lärm, den Fahnen und den Choreografien steckt vor allem eine Gruppe: die BH Fanaticos, die größte Fangemeinschaft Bosnien und Herzegowinas. Ihre Mitglieder leben in ganz Europa, in den USA und bis nach Australien. Der Verein ist damit ein Abbild der Diaspora selbst.
Sie wurde weniger als eine Ultra Gruppe gründet, der Hintergrund ist eher patriotischer Natur. Denn die Fans feiern ihre Spieler auch dann, wenn sie verlieren: Muamer Alagić, Mitglied der BH Fanaticos seit mehr als 22 Jahren, brachte es mir gegenüber so auf den Punkt: „Das sportliche Ergebnis war für uns nie der Maßstab. Wir sind ein Volk, das in den 1990er-Jahren verschwinden sollte und wir, stur wie wir sind, existieren weiter. Für ein solches Volk und seine Nachkommen ist eine sportliche Niederlage keine Enttäuschung. Von Spiel zu Spiel feiern wir, dass es uns überhaupt noch gibt – und dass wir noch immer ein Stück Land haben, das wir Heimat nennen können.“
Doch die BH Fanaticos sind weit mehr als Fans. Seit ihrer Gründung engagiert sich die Gruppe humanitär und unterstützt die Heimat. Unter unzähligen Hilfsaktionen sticht ihre Arbeit als Stipendiengeber hervor: Über den eigenen Verein, den Ada Kultur- & Bildungsverein e.V., fördern sie begabte Kinder in Bosnien und Herzegowina – aktuell sind es 38 Stipendiatinnen und Stipendiaten.
7. Die große Džezva – und was Kaffee für Bosnier bedeutet
Und dann ist da noch dieses Objekt, das in den USA für Staunen sorgt: die größte Džezva der Welt, das traditionelle kupferne Kaffeekännchen, in dem bosnischer Kaffee zubereitet wird. Rund 1,80 Meter hoch, über 300 Kilo schwer, vom Sarajevoer Kupferschmied Nasir Jabučar gefertigt, vom Lebensmittelhersteller Vispak (Marke „Zlatna Džezva“) in Auftrag gegeben – und seit 2004 im Guinness-Buch der Rekorde. Sie fasst rund 8.000 Tassen und verschlingt etwa 60 Kilo Kaffee pro Füllung.
Diese Riesen-Džezva ist quer durch Amerika gereist, der Mannschaft hinterher – nach St. Louis (mit der größten bosnischen Gemeinde außerhalb Europas), Salt Lake City, Toronto, Los Angeles, Seattle. Und überall wurde kostenlos Kahva an alle Gäste, ganz gleich woher sie kamen, ausgeschenkt.
Denn wie es so schön heißt: Bosnischer Kaffee ist nie nur Kaffee. Er ist ein Ritual. Vor allem aber ist er Einladung: sich Zeit nehmen, sich hinsetzen, ein bisschen länger bleiben als geplant, miteinander reden. (Und bitte: Nenn ihn niemals „türkischen Kaffee“ – das Ritual ist ein anderes, und jeder Bosnier wird Dir genau erklären, warum.) Dass die Fans ausgerechnet diese Gastfreundschaft mit zur WM bringen, sagt eigentlich alles über sie.
Egal wie es ausgeht: Die Fans der Zmajevi haben längst gewonnen – weil sie aus jedem Stadionvorplatz ein Stück Bosnien machen. Mit Liedern für einen verstorbenen Sänger, mit einer 700 Jahre alten Lilie, mit einem Tanz, in dem alle gleich sind, und mit Kaffee für jeden, der vorbeikommt.
*Hajde, Bosno! 🇧🇦*
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