Was Du über Srebrenica wissen solltest
Jeden 11. Juli jährt sich der Genozid von Srebrenica. Und jedes Jahr zeigt sich aufs Neue: Viele Menschen – auch in Deutschland – wissen erstaunlich wenig darüber, was 1995 mitten in Europa geschah. Dieses Nichtwissen ist gefährlich, denn es ist der Nährboden, auf dem Geschichtsrevisionismus gedeiht. Hier sind die Fakten, die jeder kennen sollte.
Der Genozid geschah in einer UN-Schutzzone
Am 11. Juli 1995 fiel die UN-Schutzzone Srebrenica – die erste Schutzzone, die die Vereinten Nationen je ausgerufen hatten. Einheiten der bosnisch-serbischen Armee ermordeten in den folgenden Tagen mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen – unter den Augen niederländischer UN-Blauhelme, deren Basis sich in der Batteriefabrik von Potočari befand. Der Internationale Gerichtshof und das Haager Tribunal stuften die Verbrechen als Genozid ein.
Die Täter wurden verurteilt – die Fakten sind gerichtsfest
Das Haager Tribunal, das Staatsgericht von Bosnien-Herzegowina sowie Gerichte in Serbien und Kroatien haben 54 Personen zu insgesamt 781 Jahren Haft und fünfmal lebenslänglich verurteilt. Den Anfang machte 2001 General Radislav Krstić, der Kommandeur des Drina-Korps, das den Angriff auf Srebrenica ausführte – mit seinem Urteil stufte erstmals ein internationales Gericht die Verbrechen als Genozid ein. Zu lebenslanger Haft verurteilt wurden unter anderem Radovan Karadžić, der politische Führer der bosnischen Serben und Kriegspräsident der Republika Srpska, und Ratko Mladić, der Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee, der am 11. Juli 1995 persönlich in Srebrenica einmarschierte. Wer den Genozid leugnet, leugnet nicht Meinungen, sondern gerichtlich festgestellte Tatsachen. In Bosnien-Herzegowina steht die Leugnung seit 2021 unter Strafe.
Die Toten wurden ein zweites Mal versteckt
Um die Verbrechen zu vertuschen, öffneten die Täter im Herbst 1995 die Massengräber mit schwerem Gerät und verteilten die Toten auf Sekundärgräber. Die Folge: Die Überreste einzelner Opfer wurden in mehreren – teils bis zu fünf – verschiedenen Gräbern gefunden. Die Opfer wurden an 150 Fundorten exhumiert, darunter 77 Massengräber. Bis heute werden in Potočari Gräber wieder geöffnet, um nachträglich gefundene Gebeine hinzuzulegen. In manchem Sarg, der am 11. Juli zu Grabe getragen wird, liegt ein einziger Knochen.
Auch Frauen und Mädchen wurden ermordet
Wenn vom Genozid von Srebrenica die Rede ist, geht es fast immer um die über 8.000 ermordeten Männer und Jungen. Weniger bekannt ist: Auch Frauen und Mädchen kamen im Juli 1995 ums Leben und sie fehlen bis heute weitgehend in der öffentlichen Erinnerung.
Auf dem Gedenkfriedhof in Potočari befinden sich die Gräber von 14 Frauen, die im Juli 1995 ermordet wurden. Das älteste und das jüngste dort bestattete Opfer sind beide weiblich: Die 94-jährige Šaha Izmirlić starb an den unmenschlichen Bedingungen im überfüllten UN-Compound, das jüngste Opfer war ein Mädchen im Säuglingsalter.
Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Frauen im Juli 1995 insgesamt getötet wurden, gibt es bis heute nicht. Die „Mütter von Srebrenica“ haben deshalb eine eigene Datenbank angelegt, die den gesamten Krieg von 1992 bis 1995 in der Region Srebrenica erfasst: Darin sind 570 getötete und vermisste Frauen namentlich registriert. Die Suche nach vermissten Frauen ist noch nicht abgeschlossen.
Dass Frauen im Gedenken vor allem als trauernde Hinterbliebene erscheinen – als Mütter, Schwestern, Ehefrauen –, aber kaum als Opfer oder Überlebende, ist Teil einer verengten Erinnerungskultur. Die rund 25.000 bis 30.000 Frauen, Kinder und Alten, die in jenen Julitagen vertrieben wurden, waren selbst Teil des Verbrechens, das internationale Gerichte als Völkermord einstuften.
Das jüngste Opfer war ein Neugeborenes
Das jüngste Opfer, das im Memorial Center Potočari beigesetzt wurde, ist das Neugeborene Fatima Muhić. Sie kam in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1995 – der Nacht nach dem Fall Srebrenicas – in der UN-Basis von Potočari zur Welt und starb noch in derselben Nacht. Erst 2012 wurde sie identifiziert; 2013 wurde sie neben ihrem Vater beigesetzt, der auf dem Todesmarsch ermordet worden war. Ihren Namen bekam sie erst zur Beisetzung – achtzehn Jahre nach ihrem Tod erfüllte sich der Wunsch ihrer Mutter, sie Fatima zu nennen. Das älteste Opfer, Šaha Izmirlić, wurde 1901 geboren. Mehr als 6.700 Opfer ruhen heute in Potočari, rund 250 weitere auf lokalen Friedhöfen. Nach rund 1.000 Vermissten wird noch immer gesucht – jedes Jahr am 11. Juli werden neu identifizierte Opfer beigesetzt.
Ramiz Nukić – Knochensammler von Kamenica
Ramiz Nukić aus Kamenica überlebte 1995 selbst den Todesmarsch; sein Vater und seine Brüder wurden ermordet. Nach seiner Rückkehr suchte er in den Wäldern nach ihren Gebeinen – und hörte nicht auf, als er sie gefunden hatte. Über zwei Jahrzehnte durchkämmte der „Knochensammler von Kamenica“ Tag für Tag die Wälder und übergab dem Institut für vermisste Personen die Überreste von rund 300 Menschen. Geld verlangte er nie. Er starb im November 2022 im Alter von 63 Jahren.

Der Todesmarsch – und der Marsch, der ihn umkehrt
Nach dem Fall der Enklave versuchten sich 12.000 bis 15.000 Menschen, überwiegend Männer und Jungen, durch die Wälder auf freies Territorium durchzuschlagen – ohne Wasser, Nahrung und Medikamente, durch Hinterhalte und Minenfelder. Für Tausende war es der letzte Weg. Seit 2005 folgt der Marš mira, der Friedensmarsch, jedes Jahr vom 8. bis 10. Juli dieser Route in umgekehrter Richtung: rund 100 Kilometer von Nezuk nach Potočari. Aus wenigen hundert Teilnehmern der ersten Jahre sind regelmäßig mehr als 6.000 geworden – Menschen von fast allen Kontinenten, die mitgehen: nicht auf der Flucht, sondern aufrecht, im Gedenken.
Die Mütter von Srebrenica erzwangen die Wahrheit
Frauen, deren Männer, Söhne und Brüder ermordet wurden, zwangen die Vereinten Nationen, die Opfer zu suchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Aus dem größten Schmerz wurde die stärkste Kraft für Wahrheit und Frieden. Heute leben die Mütter im Seniorenheim, das für sie in Potočari erbaut wurde – in Sichtweite der Gräber ihrer Söhne. Dort empfangen sie Besucher.

Die Blume von Srebrenica: Erinnerung zum Weiterschenken
Elf weiße Blütenblätter für den 11. Juli, eine grüne Mitte für die Hoffnung: Die Blume von Srebrenica wurde von Jasminka Čamdžić entworfen und wird von den Frauen des Vereins „Gračaničko keranje“ von Hand gefertigt. Die Schöpferinnen gaben ihr einen Wunsch mit: Ihre Blume soll verschenkt werden, nicht kommerzialisiert – Erinnerung, die von Hand zu Hand weiterwandert. Heute gibt es die Blume auch zu kaufen, etwa als silberne Filigranarbeit, deren Erlös teils Stipendien für junge Menschen aus Srebrenica finanziert. Am Revers getragen ist sie – egal in welcher Form – ein stilles Bekenntnis: Ich erinnere mich. Ich schaue nicht weg.
Die Welt hat einen Gedenktag – seit 2024
Die UN-Generalversammlung erklärte im Mai 2024 den 11. Juli zum Internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid von Srebrenica – gegen erbitterten Widerstand. Die Botschaft: Srebrenica ist keine bosnische und keine europäische Erinnerung. Sie gehört der ganzen Welt.
Die Leugnung dauert an – deshalb zählt dein Wissen
2004 erkannte eine Kommission der Republika Srpska die Verbrechen offiziell an, die Regierung entschuldigte sich bei den Angehörigen. 2018 verwarf das RS-Parlament diesen Bericht wieder. Genozid-Leugnung ist bis heute politischer Alltag. Genau deshalb ist jeder Mensch, der die Fakten kennt, ein Teil der Antwort.
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Fakten kann man lesen – aber Srebrenica muss man erleben, um es zu begreifen. Warum jeder Mensch einmal im Tal von Potočari gestanden haben sollte, und welchen Menschen man dort begegnen kann, liest du im Hauptbeitrag.
Orte der Erinnerung – Adressen für deinen Besuch
Memorial Center Srebrenica-Potočari
(Gedenkstätte, Friedhof und Ausstellung)
Der zentrale Ort des Gedenkens: der Friedhof mit den weißen Stelen und gegenüber die ehemalige Batteriefabrik, einst Hauptquartier der niederländischen UN-Blauhelme, heute Teil der Gedenkstätte mit Ausstellung, Gedenkraum und persönlichen Gegenständen der Opfer.
Adresse: Potočari bb, 75430 Srebrenica
Täglich geöffnet von 8:00 bis 16:00 Uhr, der Eintritt ist frei. Gruppen sollten sich vorab anmelden; geführte Touren (auf Bosnisch und Englisch) umfassen eine Dokumentarfilmvorführung, eine Geschichtsstunde zu den Ereignissen vom Juli 1995, ein Gespräch mit Experten und einen Rundgang über den Friedhof. Alle Bereiche sind barrierefrei zugänglich.
Web: srebrenicamemorial.org | Besuchsanmeldung: posjeta-visit@srebrenicamemorial.org | Tel. +387 56 991 945
Galerija 11/07/95
(Memorial-Galerie in Sarajevo)
Das erste Memorial-Museum Bosnien-Herzegowinas, ganz dem Genozid von Srebrenica gewidmet – ideal als Vorbereitung oder Vertiefung, wenn du in Sarajevo bist. Die ständige Ausstellung zeigt die eindringlichen Fotografien von Tarik Samarah, über 600 Porträts der Ermordeten, Karten der Massengräber, Zeitzeugen-Videos und die Namen aller 8.372 Opfer. Audioguides gibt es in vielen Sprachen, auch auf Deutsch.
Adresse: Trg fra Grge Martića 2/III (am Platz vor der Kathedrale), 71000 Sarajevo
Täglich geöffnet von 10:00 bis 20:00 Uhr.
Web: galerija110795.ba | Tel. +387 33 953 170
Seniorenheim der Mütter von Srebrenica
(Potočari)
In Sichtweite der Gedenkstätte leben die Mütter von Srebrenica in dem Heim, das eigens für sie erbaut wurde. Sie empfangen Besucher – eine Begegnung, die kein Museum ersetzen kann. Am besten über das Memorial Center oder lokale Kontakte anfragen und den Frauen mit Zeit und Respekt begegnen.
Marš mira (jährlich 8.–10. Juli)
Wer die Geschichte mit den eigenen Füßen begreifen will: Der Friedensmarsch führt in drei Tagen rund 100 Kilometer von Nezuk nach Potočari, entlang der umgekehrten Route des Todesmarsches. Die Teilnahme ist offen und kostenlos; unterwegs gibt es Camps, Verpflegungsstationen und Geschichtsstunden mit Überlebenden. Anmeldung für Einzelpersonen und Gruppen über die offizielle Website.
Web: marsmira.net
Tipp: Öffnungszeiten können sich ändern – vor dem Besuch kurz auf den Websites prüfen. Von Sarajevo nach Potočari sind es rund zweieinhalb bis drei Stunden mit dem Auto.
Weiterlesen auf Lelas Welt:
– Warum die ganze Welt Srebrenica besuchen sollte
– Srebrenica: Die Chronologie – von 1992 bis heute
– Die Blume der Erinnerung – Symbol für Frieden
– Hatidža Mehmedović über den Genozid von Srebrenica
– Interview mit Christian Schwarz-Schilling über den Genozid in Srebrenica
