Via Dinarica in Bosnien-Herzegowina: Als der Veliki Vran uns die Grenzen zeigte
Seit dem 11. Juni 2016 verläuft der White Trail der Via Dinarica durch Bosnien-Herzegowina. Ich war bei der Eröffnung dabei, um den Berg Veliki Vran in Blidinje zu besteigen. Die Spitze erreichten wir nicht – die Natur zeigte uns unsere Grenzen auf.
„Schön, dass du gerade jetzt in Sarajevo bist! Ich habe einen tollen Ausflug für dich“, erzählt mir Arzija Jusić erfreut am Telefon. „Diesen Samstag wird der White Trail der Via Dinarica in Bosnien-Herzegowina eingeweiht!“ Seit Monaten hatten wir uns vorgenommen, zusammen in die Berge zu fahren. Die 57-jährige Arzija wandert seit 40 Jahren und kennt so gut wie jeden Alpenverein in Sarajevo und Umgebung. Ich freue mich sehr, sie zu sehen. Mit ihren kurzen roten Haaren und ihrem verschmitzten Lächeln bringt sie immer gute Stimmung in die Runde. Obwohl sie es nicht immer leicht hatte.
Es geht los zum Veliki Vran
Die Fahrt beginnt frühmorgens um halb acht in Sarajevo – eine humane Zeit. Etwa 120 Kilometer und zwei Autostunden sind es bis nach Blidinje. Das Ziel: der 2.070 Meter hohe Veliki Vran. Da es sich um eine Eröffnung handelt, werden einige hundert Wanderer erwartet. Ich bin aufgeregt. Das letzte Mal war ich in Bosnien-Herzegowina als Kind wandern – mit meinem Onkel Muhamed, der selbst Direktor eines Alpenvereins war. Mit ihm verbrachte ich in den Ferien jedes Wochenende in den Bergen. Das prägt mich bis heute!
Wir fahren im Kleinbus. Der Fahrer Senad Ćosić ist selbst Wanderführer. Mit dabei sind außerdem der 72-jährige Onkel Šefko, drei Jungs mit ihren Mountainbikes, Arzija, ihre Freundin Nefa und ich. Auf der Hinfahrt lachen wir pausenlos – alle erzählen ihre lustigsten Erlebnisse. Und ich bekomme auch mein Fett weg.

Lange Hose, Regenjacke – und bosnischer Humor
Einen Tag vor der Tour rief ich Arzija an und fragte, ob ich eine kurze oder lange Wanderhose anziehen soll. Sie lachte schon am Telefon und fragte, ob ich Witze mache. Nein – das war mein voller Ernst! Immerhin war es sehr warm in Sarajevo. „Ne! Zieh mal schön deine lange Hose an! Sie schützt dich vor Insektenbissen. Und nimm die Regenjacke mit! Das Wetter kann hier ganz schnell umschlagen. Wir sind hier nicht in Deutschland, sondern in Bosnien-Herzegowina.“ Ihr Grinsen konnte ich durchs Telefon spüren.
Unser Startpunkt: der Blidinje-See
Nach zwei Stunden angenehmer Fahrt (großes Lob an Senad!) erreichen wir unser Ziel. Auf etwa 1.200 Metern Höhe parken wir am Blidinjsko Jezero, dem Blidinje-See – dem größten Bergsee des Landes. Weil es zuvor viel geregnet hatte, ist das Wasser über die Ufer getreten und erstreckt sich weit ins Tal. Es ist windig und kalt, an den Spitzen der umliegenden Berge liegt noch Schnee. Einige hundert Wanderer, Mountainbiker und Marathonläufer haben sich zum großen Ereignis eingefunden.

Green, Blue und White Trail: Was ist die Via Dinarica?
Mit Unterstützung von UNDP und USAID führt der White Trail der Via Dinarica nun auch durch Bosnien-Herzegowina. Allein hier stehen 334 Kilometer Weg für rund 130 Stunden Wandern zur Verfügung. Die Via Dinarica besteht aus drei Routen: dem Blue Trail mit Meerblick entlang der Küste, dem Green Trail, der meist durch die Wälder der niedrigeren Dinarischen Alpen verläuft, und dem White Trail. Mit 1.260 Kilometern ist er der längste der drei Wanderwege und führt über die höchsten Punkte der Dinarischen Alpen – landschaftlich ist er der vielfältigste.

Alle drei Trails beginnen in Slowenien und enden in Albanien. Der markierte Weg ist zwar sicher, dennoch sollte man sich nicht allein auf Wanderung begeben. Das gilt nicht nur für Ungeübte, sondern auch für Profis, die sich in dieser Gegend nicht auskennen: Zum einen kann das Wetter sehr schnell umschlagen, zum anderen befinden sich an einigen Stellen nahe des Wanderwegs noch Minenfelder. Wer sich verläuft, riskiert fatale Folgen.
Mehr oder weniger gut ausgerüstet
Wir gehen los, gemeinsam mit weiteren hundert Wanderern jeden Alters, sogar einige Hunde sind dabei. Mehrere Wanderführer begleiten die lange Schlange. Schon am Anfang ziehen sie einige Teilnehmer heraus, weil sie keine sichere Wanderausrüstung dabeihaben – sie dürfen nicht weiter. „Der Aufstieg zur Spitze des Veliki Vran ist zu gefährlich. Vor allem, wenn es regnet. Und wie es aussieht, wird es regnen“, erklärt mir Arzija mit Blick zum Himmel. Mit ihren 57 Jahren hat sie eine verdammt gute sportliche Figur – drahtig und muskulös. Man sieht ihr die Wanderleidenschaft an.
Die ersten Meter hinauf
Am Anfang ist der Aufstieg human. Mir fällt auf: Es gibt keinen Wanderweg. Es geht quer durch die Natur. Schon hier würde man als Ortsunkundiger allein scheitern. Deshalb mein Rat: immer mit einem Wanderführer gehen. Er ist bezahlbar, man fühlt sich sicher – und erfährt nebenbei wunderbare Geschichten, Anekdoten und Legenden.
Der Aufstieg wird immer härter. Man muss sich genau konzentrieren, wohin man den Fuß setzt. Jetzt wird mir klar, warum die Turnschuhträger nicht mitdurften. „Du läufst ja ganz gut mit“, grinst mich Arzija an. Ein bisschen stolz bin ich schon – das Wandern in bayerischen und österreichischen Gefilden macht sich bezahlt. Und das Yoga wohl auch, denn manchmal muss man die Beine ganz schön verdrehen, um festen Halt zu finden.

Doch es macht Spaß! „Wo laufen wir eigentlich hin?“, frage ich Arzija. „Da rauf“, nickt sie Richtung Bergspitze. Da rauf? Das ist weit, sehr weit! Wir werden also auf direktem Weg im wahrsten Sinne des Wortes hinaufkraxeln. Etwa sechs Stunden soll die Wanderung dauern, das Ziel ist ein Bergrestaurant mit abschließendem Essen. Nur: Das werden wir nicht erreichen.
Der Wetterumschwung am Veliki Vran
Nach etwa einer Stunde fängt es an zu regnen. Ich bin etwa in der Mitte der Schlange, die Profis sind schon ein ganzes Stück weiter. Wanderführer Senad begleitet mich und lässt mich nicht aus den Augen. Er beobachtet genau, wie ich auftrete, und bei schwierigen Passagen läuft er vor und ich ihm hinterher. Während er wie ein Luchs auf mich aufpasst, redet er die ganze Zeit mit mir – sein bosnischer Humor bringt mich immer wieder zum Lachen.
Der Regen wird stärker. Dazu kommt kalter Wind, und eine Nebelwand senkt sich mit unglaublicher Geschwindigkeit von der Spitze in unsere Richtung. Ich fühle mich ein bisschen wie im Horrorfilm „The Fog“. Aber nur ein bisschen – die Natur ist trotz des Wetters wunderschön anzusehen! Beruhigend wirken die an mir vorbeiziehenden bosnisch-herzegowinischen Wanderer, die rauchend, essend und pausenlos quatschend scheinbar mühelos den Berg erklimmen.
Bei uns in Deutschland gibt es Wanderwege, und an „gefährlichen“ Stellen stehen Absperrungen oder Geländer – es kann also so gut wie nichts passieren. Hier spüre ich, dass ich tatsächlich wandere. Ich muss aufpassen, mein Kopf ist gefordert, so richtig gefordert, mein ganzer Körper kommt zum Einsatz. Und es tut gut! Für Gedanken über den Regen bleibt keine Zeit.
„Das Leben müssen wir nun wirklich nicht aufs Spiel setzen“
Wer sich traut, blickt zurück: Steil geht es hinunter. Doch der Ausblick auf den Blidinje-See ist unglaublich schön, vor allem, wenn ein paar Sonnenstrahlen darauf fallen. Hellblau strahlt das Wasser, umrahmt vom satten Grün und den weißen Schneespitzen der Berge.
Der Regen wird immer stärker. Senad hält inne: „Ich rufe mal den Wanderführer an der Spitze an, um zu hören, wie das Wetter oben ist. So hat es keinen Sinn weiterzugehen. Das Leben müssen wir nun wirklich nicht aufs Spiel setzen.“ Just in dem Moment kommt die Meldung: umkehren. Die Profis melden weiter oben starken Schneesturm und Nebel.

Gut, wir gehen zurück – denselben steilen Weg, den wir hinaufgekraxelt sind. Nur dass der Abstieg durch den stärker werdenden Regen, glitschige Steine und die heranrollende Nebelwand erschwert wird. „Du läufst mir einfach nach und setzt deine Füße so, wie ich sie setze“, sagt Senad locker, die Zigarette im Mundwinkel, während er meine Wanderstöcke für den Abstieg einstellt. Der Adrenalinspiegel schießt nach oben. Einige schließen sich unserem Abstieg an – und es wird weiter viel geredet und gelacht.
Ich lache mit, während mir die dicken Regentropfen ins Gesicht peitschen. „Hey Mirella, komm mit zum Baum, wir machen Pause, und du lernst gleich nette Leute kennen.“ Senad zieht mich zur Seite. Hinter dem Baumstamm sitzen drei seiner Bekannten und essen genüsslich ihre belegten Brote, während es in Strömen regnet – nur ein paar Zweige bieten Schutz. Wir teilen alles, was wir dabeihaben. So kommt ein Drei-Gänge-Menü zusammen. Onkel Šefko gesellt sich zu uns. „Er ist der Mutigste und Flinkste von uns allen“, erzählt mir Senad.
Wandern: eine Erfahrung für und über Generationen
Der alte Herr strahlt Güte aus und ist sehr ruhig. Er begleitet uns, als wir den Abstieg wieder aufnehmen. Mit 16 Jahren fing er mit dem Wandern an. Ich erzähle ihm von meinen Kindheitswanderungen in den Sommerferien mit meinem Onkel. Er kannte Onkel Muhamed und war selbst mit ihm auf Touren unterwegs. Er ist gerührt, dass ich dessen Nichte bin – und zutiefst betrübt, als ich ihm erzählen muss, dass mein Onkel verstorben ist.
Onkel Šefko erklärt mir, dass ihn das Wandern gelehrt hat, mit der Natur im Einklang zu leben. Nicht wir Menschen bestimmen den Rhythmus, sondern Mutter Natur! „Der Vran wollte nicht, dass wir heute seine Spitze erreichen. Das ist auch gut so. So lernen wir, etwas anzunehmen und zu akzeptieren. Und Dankbarkeit.“ Ich nicke. Und bin dankbar für die Weisheit dieses Herrn.
Frisch geht es hinab
Auf halber Strecke treffe ich Arzija und Nefa. Das letzte Stück bis zum See und zur Alpenvereinshütte laufen wir gemeinsam. Wir saugen den Duft der Blumen und Bäume ein, der nach dem Regen viel intensiver ist. Arzija dreht sich zum Berg: „Warum, lieber Vran, hast du uns den Aufstieg verwehrt? Da ist nun Mirella aus Deutschland zu Besuch, und du hast es nicht zugelassen!“ – „Wer weiß, wofür es gut war. Vielleicht hat er uns vor etwas Schlimmem bewahrt. Vielleicht sollten wir einfach dankbar sein.“ – „Du hast recht. Lieber Vran, danke!“ Arzija verneigt sich.

Dann grinst sie mich an: „Na, immer noch Lust auf eine kurze Wanderhose? Wahrscheinlich wärst du so nass und unterkühlt wie der hier!“ An uns läuft ein junger Wanderer in kurzer Hose vorbei. Dass sie nass war, war nicht schlimm. Aber seine Gänsehaut sprach Bände!
Auch traurige Geschichten kennt der White Trail
Arzija erzählt mir die traurige Geschichte des Wanderführers und Extremsportlers Dragi, der im Februar desselben Jahres mit nur 25 Jahren ums Leben kam. Er war ein sehr guter Freund. Bei einer Wanderführung versuchte er, eine Teilnehmerin vor dem Absturz zu retten – sie zog ihn mit sich in die Tiefe. Er war auf der Stelle tot, sie überlebte schwer verletzt. Arzija weint und zieht sein Bild aus der Tasche. Sie trägt es beim Wandern immer bei sich. „So ist er immer bei uns.“
Noch eines vor dem Ziel
„Bevor du die Wanderung beendest, musst du einen Baum umarmen!“ Arzija läuft schon zum nächsten hin und legt die Arme um den Stamm. Ich mache es ihr nach und küsse ihn dankbar. Dankbar, dass ich diese Wanderung erleben durfte. Dankbar für das Leben. Dankbar für neu gewonnene Freunde.
Bis auf die Haut durchnässt erreichen wir die Hütte. Beim heißen Tee wärmen wir uns am Ofenfeuer auf, meine Wangen leuchten rosarot. Ich bin erschöpft und glücklich. Draußen machen wir Brotzeit. Ich beiße in die Tomate – sie schmeckt so intensiv, genau wie der geräucherte Käse im Somun. Nach der Stärkung geht es zurück nach Sarajevo.
Die Mountainbike-Jungs gabeln wir unterwegs auf – auch sie hat der Regen erwischt. Wir tauschen unsere Erlebnisse aus. An der alten osmanischen Brücke in Konjic legen wir eine Kaffeepause ein und genießen den Blick auf das historische Kulturgut. Bosnien-Herzegowina ist so schön – das wird mir wieder richtig bewusst. Es ist dieses Zusammenspiel aus Natur, Kultur und liebevollen Menschen mit ihrem einzigartigen Humor.
Im Ziel
Erschöpft komme ich abends nach Hause, es ist schon dunkel. Arzija erzählte mir, sie habe einmal geschrieben: „Die Berge sind mein zweites Zuhause. Nein – eigentlich sind sie mein eigentliches Heim.“ Ich kann es verstehen. Berge machen uns darauf aufmerksam, dass nicht die sogenannten vier Wände unser Heim sind, sondern Mutter Erde. Wenn uns das bewusst wird, werden wir sie besser vor Gefahren schützen. Und dem Sinn des Lebens wohl ein Stück näherkommen.
Via Dinarica auf einen Blick
Was: Fernwanderweg durch die Dinarischen Alpen, von Slowenien bis Albanien
Routen: White Trail (1.260 km, hochalpin), Green Trail (Wälder, niedrigere Lagen), Blue Trail (Küste)
Abschnitt Bosnien-Herzegowina: 334 km, ca. 130 Wanderstunden, eröffnet am 11. Juni 2016
Startpunkt dieser Tour: Blidinje-See (Blidinjsko Jezero), ca. 1.200 m, größter Bergsee des Landes
Gipfelziel: Veliki Vran, 2.070 m
Anreise: ca. 120 km / 2 Stunden ab Sarajevo
Wichtig: Nie ohne ortskundigen Wanderführer gehen – schnelle Wetterumschwünge, teils Minenfelder abseits der markierten Wege

Hallo liebe Wanderfreunde!
Seit zwei Tagen bin ich wieder zurück von meiner Via-Dinarica-Tour.
Um es gleich vorwegzunehmen: diesen Weg gibt es NICHT (!!!) in Realität. Die Wege sind entweder nicht vorhanden (von Beschilderungen will ich gar nicht sprechen) oder so zugewachsen, daß ein normales Wandern nicht möglich ist. Also bitte, bitte nicht diesen Weg wandern wollen – es gibt ihn einfach nicht.
Ich bin ein sehr erfahrener und sehr ausdauernder Wanderer und hatte selbst mit einem GPS-Gerät (Garmin etrex 30x) meine Schwierigkeiten. Nicht selten kam ich mir verloren vor. Ja, auch mit GPS-Gerät!
Die von einigen Internetseiten zur Verfügung gestellte GPS-Route ist in Wirklichkeit NICHT!!! existent. Ich habe die gpx-Datei auf mein Garmin etrex 30x geladen und mußte schon am ersten Tag feststellen, daß dies nur eine auf dem PC erstellte Route ist. Da ist in den letzten Jahren keiner mehr gewandert. Es mag sein, daß es (einige) diese Wege einmal gab, aber heute (im August 2019) eben nicht mehr. Dies habe ich auch alles auf Videomaterial als Beweis aufgenommen. Wer was anderes sagt, meint nicht diesen Trail. Man kann sich nicht vorstellen, wie enttäuscht und vor allem wütend auf die Macher dieser Tour war/bin.
Man stelle sich vor, daß Wanderer aus Australien, Neuseeland, Japan, den USA … dort hinkommen, und schon am ersten Tag feststellen, daß es diesen Weg gar nicht gibt. Ich will mir deren Enttäuschung, von anderen Emotionen gar nicht zu sprechen, nicht vorstellen. Dies MUSS anders dargestellt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Vladimir Mandić