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Augsburger Bischof Betram Meier in Sarajevo: „In Bosnien wird über interreligiösen Dialog nicht diskutiert – er wird gelebt!“

Augsburger Bischof Betram Meier in Sarajevo: "In Bosnien wird über interreligiösen Dialog nicht diskutiert - er wird gelebt!" 1

Als bekannt wurde, dass Bischof Bertram Meier von Augsburg zu Besuch in Sarajevo ist, war sofort klar: Ich möchte ihn gerne zu einem Interview treffen. Denn was verbindet zwei Städte mehr als eine gemeinsame Seele? Augsburg und Sarajevo sind beide Friedensstädte – mit sehr unterschiedlichen Geschichten und Hintergründen, aber mit diesem einen verbindenden Gedanken: Frieden ist möglich, auch dort, wo er einst zerbrochen war.

Als Augsburgerin, die Sarajevo zu ihrer zweiten Heimat gemacht hat, war es eine besondere Freude, jemanden aus der deutschen Heimat hier willkommen zu heißen. Bischof Bertram Meier sagte zu – mit der praktischen Frage: Wo treffen wir uns?

Die Antwort war für mich selbstverständlich: im Teehaus Franz & Sophie – ein besonderer Ort, betrieben von Ado, einem Arzt, der viele Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, ehe er beschloss, in seine bosnisch-herzegowinische Heimat zurückzukehren, um als einziger zertifizierter Tee-Sommelier der Region einen Ort der Begegenung beim gesunden Trank zu eröffnen.

Kaum zufällig liegt das Teehaus direkt neben Vrhbosna, dem römisch-katholischen Erzbistum von Bosnien-Herzegowina. So fand das Gespräch an einem Ort statt, der selbst ein kleines Symbol für das ist, was Sarajevo ausmacht: Begegnung, Offenheit und gelebter Austausch.


Wie kam es zu dieser Reise? Was war der Anlass oder Auslöser, dass Sie nach Sarajevo kommen? 

In der Deutschen Bischofskonferenz bin ich für die Kommission Weltkirche, also für die internationalen Beziehungen, zuständig und zugleich für den interreligiösen Dialog, insbesondere mit dem Islam. Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein doppelter Anlass für meine Reise nach Sarajevo: Zum einen geht es um Begegnungen mit den christlichen Kirchen. Zum anderen steht der interreligiöse Dialog im Mittelpunkt.

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Besuch des Sekretariats des Interreligiösen Rates von Bosnien und Herzegowina
Gesprächspartner: Nemanja Đureinović (serb.-orth., derzeitiger Geschäftsführer des Rates), Prof. Dr. Oliver Jurišić (röm.-kath.), Ajsa Kasumovic, (musl.) und Slađana Sarit (jüd.)
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Was verbindet Sarajevo und Augsburg miteinander? Haben Sie da Parallelen gefunden?

Historische Parallelen sind vielleicht nicht unmittelbar offensichtlich. Dennoch verbindet beide Städte der Gedanke des Friedens. Augsburg bezeichnet sich als Friedensstadt – mit dem Augsburger Religionsfrieden, einem eigenen Friedenspreis und dem Hohen Friedensfest im August, das es in dieser Form nur dort gibt. Auch Sarajevo ist erneut zu einer Stadt des Friedens geworden. Hier zeigt sich, wie verschiedene Religionen friedlich zusammenleben können, selbst wenn ethnische oder gesellschaftliche Spannungen bestehen. Religion kann dabei durchaus auch als verbindendes Element wirken.

Interessant ist zudem der historische Kontext: An beiden Orten scheint die Frage nach dem Zusammenleben verschiedener Religionen oder Konfessionen im 16. Jahrhundert bedeutsam geworden zu sein. Auch wenn es wohl keine direkte Verbindung zwischen Augsburg und Sarajevo gab, war das 16. Jahrhundert eine religiös äußerst lebendige und spannungsreiche Zeit. Beide Städte verbindet daher auch vor diesem Hintergrund der Gedanke des Friedens.

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Bischof Dr. Bertram Meier (Augsburg), Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz, beim Spaziergang durch die Altstadt in Sarajevo
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Welche persönlichen Eindrücke und Begegnungen haben Sie in Sarajevo bisher am stärksten bewegt?

Direkt zu Beginn meiner Reise habe  ich den Interreligiösen Rat besucht, den die Religionsgemeinschaften nach dem Bosnien-Krieg gegründet haben. Besonders bemerkenswert ist, dass der Dialog hier nicht nur auf höchster Ebene stattfindet, sondern auch lokal verankert ist: In ganz Bosnien und Herzegowina gibt es 19 örtliche Gremien, die diesen Austausch konkret leben.

Die zweite prägende Begegnung war das Gespräch mit dem Großmufti. Im Vorfeld wurde mir gesagt, es könne etwas protokollarisch zugehen. Entsprechend feierlich sind wir hingegangen – und wurden sehr positiv überrascht: Der Großmufti war offen, humorvoll und wir konnten über eine Stunde intensiv miteinander sprechen. In diesem Gespräch wurde noch einmal sehr deutlich, dass durch Dialog vieles gewonnen werden kann – Vertrauen, Verständnis und Zusammenarbeit. Gleichzeitig wurde aber auch klar benannt, dass durch Spannungen, Konflikte und Gewalt ebenso viel verloren gehen kann. Das war gewissermaßen die Quintessenz unseres Austauschs.

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Bischof Meier beim Treffen mit dem bosnischen Großmufti, Reisul-ulema Husein Kavazović, zusammen mit dem Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), Adem Hasanović
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Auch die Franziskaner, mit denen ich zum Gespräch zusammengekommen bin und Heilige Messe feiern konnte, spielen hier eine besondere Rolle. Allein schon aufgrund ihrer jahrhundertelangen Tradition waren sie prägend für die katholische Kirche in dieser Region. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein wurde die kirchliche Leitung hier von Franziskanern gestellt. Und auch heute sind die Franziskaner sehr präsent. Sie engagieren sich nicht nur in sozialen und ökologischen Fragen, sondern tragen auch wesentlich zur Friedensarbeit bei. Ihr Gründer, Franz von Assisi, hat seine Brüder mit dem Gruß „Pace e bene“ – Frieden und Heil ausgesandt. Gerade auch im bosnischen Kontext wirken die Franziskaner als Katalysatoren des Friedens und bauen Brücken. Für mich besonders interessant war, was ein Franziskaner mir zum Dialog sagte: „In Bosnien diskutieren wir nicht über interreligiösen Dialog – wir leben ihn!“ Das ist für mich ein sehr eindrückliches Zeugnis.

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Im Gespräch mit P. Zdravko Dadić OFM, Provinzial der Franziskanerprovinz Bosna Srebrena
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Sarajevo gilt als Jerusalem Europas, eine Stadt, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen nebeneinander stehen. Was bedeutet dieses Bild für Sie? 

Im Namen der Stadt Jerusalem steckt „Schalom“ – und damit der Friede. Wie immer man es interpretiert: Der Friede ist die gemeinsame Wurzel. Und wie ich schon gesagt habe, ist auch Sarajevo für mich eine Stadt des Friedens. Natürlich kann man fragen, ob es nicht auch Ausdruck von Selbstbewusstsein ist, Sarajevo mit Jerusalem zu vergleichen. Aber nach meinen Erfahrungen hier kann ich sagen: Es ist durchaus etwas dran.

Mehrfach habe ich gehört – unter anderem von einer Vertreterin der jüdischen Gemeinde –, dass die Synagoge keinen Polizeischutz benötigt. Das ist für mich ein starkes Zeichen dafür, dass sich die Religionsgemeinschaften mit Wertschätzung und Respekt begegnen.

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Im Gespräch mit Rahela Džidić, Präsidentin der Jüdischen Gemeinschaft in Sarajevo, und Jakob Finci, Präsident der Jüdischen Gemeinschaft von Bosnien und Herzegowina, in der Ashkenasi Synagoge in Sarajevo
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Ich habe auch mehrfach gehört, dass hier gerade in Krisen- und Kriegszeiten Nächstenliebe über religiöse Grenzen hinweg gelebt wurde. Das ist ein schöner und wichtiger Gedanke. Ein Priester erzählte mir beispielsweise, dass er in seinem Engagement von Muslimen unterstützt wird – und umgekehrt. Ebenso berichtete uns auch der Großmufti, dass es vorkommen kann, dass Kirchen- oder Moscheebauten von Angehörigen der jeweils anderen Religion durch Spenden mitfinanziert werden. Daran sieht man: Interreligiöser Dialog bedeutet nicht nur Austausch, sondern auch, sich am religiösen Wachstum der anderen freuen zu können – ohne sie vereinnahmen zu wollen oder Unterschiede zu verwischen. Es geht darum, den anderen in seiner eigenen Glaubensüberzeugung zu achten, selbst vom eigenen Glauben überzeugt zu bleiben und zugleich füreinander da zu sein.

Hier war ja der Krieg. Wie sehen Sie das als Bischof? Können die Religionen die Wunden wieder heilen?

Der Krieg hat Spuren hinterlassen. Viele Wunden sind, denke ich, verheilt, aber es sind Narben geblieben. Und solche Narben treten immer wieder hervor, wenn es Spannungen oder Konflikte gibt. Sie sind Erinnerungszeichen an die dunklen Zeiten des Krieges. Wir haben nicht nur davon gehört, sondern auch Bilder der belagerten Stadt Sarajevo gesehen – das stimmt nachdenklich.

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Bei der gemeinsamen Heilige Messe in der St. Antonius-Kirche im Sarajevoer Stadtteil Bistrik
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Gleichzeitig gibt das gelingende Miteinander der Religionen Anlass zur Hoffnung. Es zeigt, dass in den Religionen – entgegen mancher Behauptung – nicht nur Konfliktpotenzial steckt, sondern auch eine große verbindende Kraft. Religionen können helfen, Wunden zu heilen, und sie erinnern uns zugleich daran, wachsam zu bleiben und nicht leichtsinnig zu werden. Wenn sich die Religionen auf einen gemeinsamen Grundsatz besinnen – nämlich keinen Krieg im Namen Gottes zu führen –, dann sehe ich darin eine echte Zukunftsperspektive: im Namen Gottes gemeinsam Gesellschaft aufzubauen.

Sie sind jetzt noch ein paar Tage da, aber in diesen zwei Tagen. Was werden Sie persönlich von dieser Reise mitnehmen?

Ich nehme vor allem Inspirationen für unsere Dialogarbeit in Deutschland mit. Wir Deutsche sind sehr gut darin zu unterscheiden, manchmal auch Dinge zu trennen und Gegensätze herauszuarbeiten. Hier aber können wir lernen, dass interreligiöser Dialog vor allem Brückenbau im Alltag bedeutet. Die Theologie gehört zwar dazu, aber entscheidend ist der Dialog des Lebens.

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Bischof Dr. Bertram Meier zu Besuch beim emeritierten Erzbischof von Vrhbosna, Kardinal Vinko Puljić, im Caritas-Altenheim (Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Mir als Bischof – und auch anderen, die sich im interreligiösen Dialog engagieren – wird gelegentlich die Frage gestellt: „Warum macht ihr das überhaupt? Kümmert euch doch zuerst um eure eigene katholische Kirche!“ Ich bin jedoch überzeugt, dass die Kirche ihrem Wesen nach dialogisch ist. Jesus selbst hat nicht nur viele Gespräche geführt, sondern war gewissermaßen der Dialog Gottes mit den Menschen. „Das Wort ist Fleisch geworden“ –daraus ergibt sich für uns der Auftrag, in den Dialog zu treten: mit anderen christlichen Kirchen ebenso wie mit anderen Religionen. Das ist keine freiwillige Zusatzaufgabe, nachdem man das eigentliche Pflichtprogramm erledigt hat. Vielmehr gehört der Dialog zum Kernauftrag der katholischen Kirche.

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Beim Treffen mit Erzbischof von Vrhbosna, Erzbischof Tomo Vukšić
(Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic)

Bischof Dr. Bertram Meier
Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog


Bertram Meier wurde am 20. Juli 1960 in Buchloe im Ostallgäu geboren und wuchs in Kaufering in einem gemischtkonfessionellen Elternhaus auf. Diese ökumenische Prägung von Kindheit an sollte seinen späteren Lebensweg nachhaltig beeinflussen.
Er studierte Theologie in Augsburg und an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wo er am 10. Oktober 1985 zum Priester geweiht wurde. 1989 schloss er seine Promotion in Dogmatik ab.

Zurück im Bistum Augsburg wirkte er als Kaplan, Jugend- und Hochschulseelsorger, Stadtpfarrer sowie Dekan. Von 1996 bis 2002 übernahm er eine internationale Aufgabe und leitete die deutschsprachige Abteilung im Vatikanischen Staatssekretariat. Parallel dazu lehrte er Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Gregoriana und war Vizerektor im Priesterkolleg am Deutschen Friedhof im Vatikan.

Ab dem Jahr 2000 trug er im Bistum Augsburg schrittweise mehr Verantwortung – als Domkapitular, Domdekan, Bischofsvikar für Ökumene und interreligiösen Dialog sowie als stellvertretender Generalvikar. Am 29. Januar 2020 ernannte ihn Papst Franziskus zum Bischof von Augsburg, die feierliche Bischofsweihe folgte am 6. Juni 2020 durch Reinhard Kardinal Marx.

In der Deutschen Bischofskonferenz engagiert er sich seither auf mehreren Ebenen: als Vorsitzender der Kommission Weltkirche, als Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog und als Mitglied der Ökumenekommission. Zudem vertritt er die Deutsche Bischofskonferenz im gemeinsamen ökumenischen Kontaktgesprächskreis mit der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Sein Bischofsmotto bringt seinen Auftrag auf den Punkt:
„VOX VERBI VAS GRATIAE“ – Stimme des Wortes, Schale der Gnade.

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