Stadt Tuzla in Nordostbosnien auf europäischer Bühne: Wie der Münchner Muamer Babajić den SystemEU Valley Summit 2026 hierher brachte
Vier Tage, fünf Regionen, ein Ziel: Beim SystemEU Valley Summit 2026 in Tuzla zeigte Bosnien-Herzegowina, dass es Teil der europäischen Innovationsgeschichte sein kann. Mein Bericht vom Summit – mit Interview mit Initiator Muamer Babajić (Masterwerk/DKR)
Vier Tage lang war die Salzstadt Tuzla im Nordosten Bosnien-Herzegowinas Ende Juni das, was sie viel zu selten sein darf: ein Ort, an dem Europa über seine Zukunft spricht – und Bosnien-Herzegowina mit am Tisch sitzt. Nicht als Zaungast, sondern als gleichberechtigter Partner. Dass der Summit hier stattfand, geht maßgeblich auf Muamer Babajić zurück: Der Münchner Unternehmer mit Tuzlaer Wurzeln holte den SystemEU Valley Summit in die Stadt, in der er 2016 das Deutsche Kompetenzzentrum für Robotik gegründet hatte. Ich war dabei.**

Der zweite europäische Innovationsgipfel des EU-geförderten Projekts SystemEU brachte Entscheidungsträger, Startups, Investoren, Universitäten, Forschungsinstitutionen und Innovation Hubs aus Deutschland, Spanien, Portugal, Rumänien und Bosnien-Herzegowina in Tuzla zusammen. Fünf Regionen bilden das Konsortium: Bayern, Transsilvanien, Kastilien-León, Norte Portugal – und der Kanton Tuzla. Schon diese Aufzählung erzählt eine Geschichte: Eine Stadt, die in Deutschland vor allem mit Kohle, Salz und Auswanderung assoziiert wird, verhandelt hier auf Augenhöhe mit einigen der stärksten Innovationsregionen Europas.
Warum Tuzla?
Dass der Kanton Tuzla Teil des SystemEU-Konsortiums wurde, hat eine Vorgeschichte, die 2016 beginnt. Damals gründete Muamer Babajić das Deutsche Kompetenzzentrum für Robotik (DKR) in Tuzla – mit dem Ziel, junge Menschen in Automatisierung, Robotik und Industrie 4.0 auszubilden. Babajić hatte 2009 in Deutschland das Automatisierungsunternehmen Masterwerk gegründet und in der Automobil- und Industriefertigung etabliert; mit dem DKR transferierte er dieses Know-how in seine Geburtsstadt. Für sein unternehmerisches Wirken erhielt er 2014 den Münchener-Phönix-Preis der Stadt München und 2017 in Sarajevo die Auszeichnung als „Manager of the Year“; zudem gehört er dem Beirat des Bildungs- und Wissenschaftsministeriums der Föderation Bosnien und Herzegowina an.

Hinter dem DKR steht eine These: Dauerhafte Stabilität auf dem Westbalkan entsteht über Bildung in Spitzentechnologie – und über Zusammenarbeit, die Grenzen und Herkünfte überspannt. In den Jahren seit der Gründung ist um das Zentrum ein industrielles Innovationsökosystem gewachsen. Als das SystemEU-Konsortium einen Partner auf dem Westbalkan suchte, fiel die Wahl deshalb auf Tuzla: Hier gab es bereits Strukturen, an die sich anknüpfen ließ.
Ein Auftakt mit Symbolkraft
Bevor am 24. Juni im Hotel Salis die offizielle Eröffnungszeremonie stattfand, begann der Summit dort, wo Tuzlas neue Geschichte am greifbarsten ist: beim Ecosystem Immersion Day im DIH Industriezentrum – dem ersten Digital Innovation Hub in Bosnien-Herzegowina mit Fokus auf industrielle Robotik und Automatisierung, entstanden im Rahmen von Babajićs Deutschem Kompetenzzentrum für Robotik. Wirtschaftsminister Edin Duraković, Tuzlas Bürgermeister Zijad Lugavić und Hub-Projektmanagerin Maja Ibričić stellten den internationalen Gästen das Innovationsökosystem des Kantons vor.

Was dann folgte, hatte – wie es ein Teilnehmer treffend formulierte – jeden Tag seinen eigenen Rhythmus: Startup-Pitches, Matchmaking-Sessions, Co-Creation-Workshops und unzählige Gespräche in den Pausen, in denen bekanntlich die eigentlichen Projekte entstehen.
Mobilität: Vier Länder, vier Baustellen, ein Ziel
Das Mobilitätspanel machte deutlich, wie unterschiedlich die Ausgangslagen in Europa sind – und wie viel die Regionen voneinander lernen können.
Bürgermeister Lugavić sprach offen über Tuzlas Dilemma: Wie bringt man Menschen dazu, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, wenn die engen Straßen der Altstadt kaum Platz für Radwege lassen? Es war einer dieser ehrlichen Momente, die den Summit auszeichneten – keine Hochglanzpräsentation, sondern eine reale Herausforderung, für die man Partner sucht.

Aus München berichtete Sophia Vögler von ampway über den Aufbau von DC-Schnellladeinfrastruktur für Lkw – ein Thema, das auch für die Transitkorridore des Westbalkans relevant wird. Die portugiesischen Partner brachten eine Dimension ein, die man selten bedenkt: Allein das Laden von Transportschiffen in den Häfen erfordert Anschlussleistungen von rund 40 Megawatt, die Kräne verschlingen laut Panel etwa 43 Prozent des Energieverbrauchs im Hafenbetrieb. Zugleich meldet Portugal einen E-Auto-Anteil von rund 41 Prozent bei den Neuzulassungen – die Infrastruktur hinkt der Nachfrage hinterher. Was zunächst wie ein Problem klingt, verstehen die Portugiesen als Chance: Sie holen gezielt Startups an Bord, um Lösungen zu entwickeln.
Rumänien schließlich denkt bereits einen Schritt weiter: autonome Busse, zunächst in Flughafenarealen und im nächtlichen Stadtverkehr, wo sich Algorithmen unter kontrollierten Bedingungen trainieren lassen – flankiert von einer Wasserstoffflotte im Rahmen des Transylvania Hydrogen Valley.
Energie: Die schwierigste Transformation findet in Tuzla statt
Noch eindrücklicher war das Energiepanel – vor allem, weil hier niemand die Realität schönredete. Tuzla lebt vom Kohlebergbau und vom Kraftwerk, das die Silhouette der Stadt prägt. Die von der EU angestoßene Energiewende ist für diese Region kein abstraktes Klimaziel, sondern eine soziale Frage. Prof. Dr. Alan Topčić, ordentlicher Professor für Industrielles Ingenieurwesen und Produktionsmanagement an der Fakultät für Maschinenbau der Universität Tuzla, brachte das Dilemma auf eine Formel, die im Saal hängen blieb: Wenn die EU zehn Millionen Euro für die Transformation anbietet, das Kohlekraftwerk aber hundert Millionen erwirtschaftet und tausende sichere Arbeitsplätze garantiert – wie überzeugt man dann eine Stadt? Die Transformation, so Topčić, sei hier nicht nur eine technische, sondern vor allem eine psychologische Aufgabe.

Seine Antwort ist bemerkenswert pragmatisch: Die Region soll ihre jahrzehntelange Bergbaukompetenz nicht als Altlast, sondern als Zukunftskapital begreifen, gezielt mit Ländern zusammenarbeiten, die diese Transformation bereits hinter sich haben – die Potenziale und Kapazitäten für diesen Austausch seien vorhanden. Dass es der Region ernst ist, zeigt ein konkreter Schritt: In diesem Jahr wurde an der Universität Tuzla ein eigenes Department für die Energiewende eröffnet.
Kastilien-León zeigte, wohin die Reise gehen kann – die Region erzeugt heute rund 20.000 Megawatt aus Wind und Photovoltaik. Und Bayern, das bis 2040 klimaneutral sein will, machte deutlich: Auch die reichste Region im Konsortium kämpft mit hohen Energiepreisen und wird nie vollständig unabhängig von Energieimporten sein. Die milliardenschweren EU-Transformationsprogramme, so der Tenor, sind eine Gelegenheit, die keine der fünf Regionen allein nutzen kann – wohl aber gemeinsam.
Die Zukunft
Es ist zu früh, den vollen Ertrag dieser vier Tage zu bemessen. Aber wer erlebt hat, wie im DIH Industriezentrum ein bayerischer Mittelständler, ein portugiesischer Hafenlogistiker und ein Tuzlaer Robotik-Startup am selben Tisch saßen, ahnt: Hier hat etwas begonnen, das über einen Summit hinausreicht.
Tuzla hat in diesen Tagen gezeigt, dass es die Menschen, die Energie und den Anspruch hat, Teil größerer europäischer Geschichten zu sein. Das DKR und der Summit stehen dabei exemplarisch für ein Modell, das über den Einzelfall hinausweist: Diaspora nicht als Verlust, sondern als Verbindung zwischen den Ökosystemen. Der FSTP Open Call läuft – die nächsten Kapitel dieser Geschichte werden gerade geschrieben.

„Brain Gain statt Brain Drain“
Muamer Babajić im Interview
LW: der SystemEU Summit hat Innovationsakteure aus Bayern, Norte, Nordwest-Rumänien, Kastilien-León und dem Kanton Tuzla zusammengebracht. Was bedeutet es für Tuzla – und für Bosnien und Herzegowina insgesamt – Gastgeber eines solchen europäischen Innovationsgipfels zu sein?
Muamer Babajić: Für Tuzla war dieser Summit weit mehr als ein Konferenzereignis. Es war ein Beweis – nach außen und nach innen. Nach außen: dass eine Stadt bzw. ein Kanton in Bosnien-Herzegowina gleichberechtigter Partner in einem EU-finanzierten Projekt sein kann, gemeinsam mit Bayern, Transsilvanien, Kastilien-León und Norte Portugal. Nach innen: dass die Menschen in Bosnien-Herzegowina – Wirtschaft, Universität, Startups, öffentliche Institutionen – bereit sind, nicht nur zuzuschauen, sondern aktiv mitzugestalten. Für mich persönlich, als Münchener mit Wurzeln in Tuzla, hatte dieser Summit eine besondere Dimension: Ich habe erlebt, wie die für mich besonderen zwei Welten auf europäischer Bühne zusammenwachsen. Das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit vieler Menschen, die an diese Region geglaubt haben.
LW: Der Summit setzte auf Pitch-Sessions, Matchmaking und die Bildung internationaler Konsortien in den Bereichen Mobilität, Energie und Gesundheit. Welche konkreten Kooperationen oder Projektideen sind in Tuzla entstanden, auf die Sie besonders stolz sind?
MB: Die Pitches, Matchmaking-Sessions und Co-Creation-Workshops haben konkrete erste Projektideen hervorgebracht – insbesondere in den Bereichen Mobilität und Energie, etwa rund um den Transylvania-Hydrogen-Valley-Ansatz und die Frage, wie industrielle Automatisierung in der Region skaliert werden kann. Was mich besonders stolz macht: Der Digital Innovation Hub für industrielle Robotik in Tuzla, im Rahmen des Deutschen Kompetenzzentrums für Robotik – mit dem wir KMUs die Möglichkeit geben, neue Technologien zu testen, bevor sie investieren – ist genau das konkrete Modell, das Europa braucht: kein Hochglanz-Konzept, sondern ein funktionierender Prototyp einer interregionalen Zusammenarbeit. Erste Konsortien bilden sich gerade. Der FSTP Open Call, der am 1. Juni gestartet ist, gibt diesen Ideen nun auch den finanziellen Rahmen. Ohne die finanzielle Energie bleibt es oft nur bei Ideen – hier wird es konkret.
LW: Viele junge, talentierte Menschen verlassen Bosnien und Herzegowina. Kann ein Netzwerk wie SystemEU dazu beitragen, dass Start-ups und Fachkräfte hier eine Zukunft sehen – und was ist Ihr nächster Schritt, damit aus dem Summit-Momentum etwas Dauerhaftes wird?
MB: Bosnien-Herzegowina verliert Jahr für Jahr gut ausgebildete Menschen – nicht, weil diese Menschen ihr Land nicht lieben, sondern weil sie bisher keine Perspektive sahen, hier wirklich etwas aufzubauen. SystemEU kann genau hier einen Unterschied machen: indem es zeigt, dass man von Tuzla aus mit Partnern in München, Braga oder Cluj zusammenarbeiten kann – ohne auszuwandern. Brain Gain statt Brain Drain. Das funktioniert aber nur, wenn wir das Momentum jetzt nicht verpassen. Mein nächster Schritt: die Verbindungen, die in diesen vier Tagen entstanden sind, in konkrete Projektpartnerschaften überführen – und dafür sorgen, dass der Austausch der Ökosysteme noch größer wird und noch mehr junge Talente aus der Region anzieht.
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