Srebrenica: Die Chronologie – von 1992 bis heute
Jeden 11. Juli jährt sich der Genozid von Srebrenica, das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Wer verstehen will, was damals geschah und was seither geschehen ist, findet hier die wichtigsten Daten – vom Beginn der Belagerung 1992 bis heute. Es ist eine Chronologie des Verbrechens, aber auch eine Chronologie des Ringens um Wahrheit: mit Momenten der Hoffnung, wie der offiziellen Entschuldigung von 2004 – und Rückschlägen, wie deren Rücknahme 2018.
April 1992: – Beginn des Bosnienkriegs. Serbische Einheiten greifen das Drina-Tal (Podrinje) an; Srebrenica wird zur belagerten Enklave, in die Zehntausende Vertriebene aus der Region fliehen.
16. April 1993 – Der UN-Sicherheitsrat erklärt Srebrenica mit Resolution 819 zur ersten UN-Schutzzone der Geschichte. UN-Blauhelme werden stationiert – zuletzt das niederländische Bataillon „Dutchbat“ mit Basis in der Batteriefabrik von Potočari.
6. Juli 1995 – Die Armee der Republika Srpska beginnt unter dem Kommando von General Ratko Mladić, dem Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte, die Offensive auf die Schutzzone. Am 11. Juli marschiert Mladić persönlich in Srebrenica ein.
11. Juli 1995 – Srebrenica fällt. Tausende flüchten zur UN-Basis nach Potočari. Etwa 12.000 bis 15.000 Männer und Jungen brechen durch die Wälder Richtung Tuzla auf – der „Todesmarsch“ beginnt.
12.–17. Juli 1995 – Frauen, Kinder und Alte werden deportiert; Männer und Jungen systematisch aussortiert. In Massenerschießungen werden mehr als 8.000 Bosniaken ermordet und in Massengräbern verscharrt.
Herbst 1995 – Um die Verbrechen zu vertuschen, öffnen die Täter die Massengräber mit schwerem Gerät und verteilen die Toten auf Sekundärgräber. Die Überreste einzelner Opfer werden später in bis zu fünf verschiedenen Gräbern gefunden.
Dezember 1995 – Das Friedensabkommen von Dayton beendet den Krieg. Srebrenica liegt fortan in der Republika Srpska.
1996 – Die ersten Massengräber werden exhumiert; die Ermittlungen des Haager Tribunals laufen an. In den Folgejahren entsteht die weltweit größte DNA-Identifizierungsoperation.
2. August 2001 – Das Haager Tribunal verurteilt General Radislav Krstić, den Kommandeur des Drina-Korps der bosnisch-serbischen Armee, das den Angriff auf Srebrenica ausführte: Erstmals stuft ein internationales Gericht die Verbrechen von Srebrenica als Genozid ein.
April 2002 – Die niederländische Regierung tritt nach dem Untersuchungsbericht über das Versagen von Dutchbat geschlossen zurück.
31. März 2003 – Erste kollektive Beisetzung in Potočari: 600 identifizierte Opfer. Am 20. September 2003 eröffnet der frühere US-Präsident Bill Clinton offiziell das Memorial Center Srebrenica-Potočari.

2004 – Auf Druck des Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown muss die Regierung der Republika Srpska eine Untersuchungskommission einsetzen – nachdem ein früherer RS-Bericht, der die Verbrechen geleugnet hatte, international verworfen worden war. Die Kommission erkennt in ihren Berichten vom Juni und Oktober 2004 erstmals offiziell an, dass rund 7.800 Bosniaken nach dem Fall Srebrenicas exekutiert wurden, und benennt 32 Massengräber, elf davon zuvor unbekannt. RS-Präsident Dragan Čavić räumt in einer Fernsehansprache ein, dass serbische Kräfte mehrere tausend Zivilisten unter Bruch des Völkerrechts getötet haben – Srebrenica sei ein „schwarzes Kapitel“ der serbischen Geschichte. Am 10. November 2004 entschuldigt sich die RS-Regierung unter Ministerpräsident Dragan Mikerević offiziell bei den Angehörigen: Sie teile den Schmerz der Familien der Srebrenica-Opfer und bitte für die Tragödie aufrichtig um Entschuldigung. UN-Generalsekretär Kofi Annan begrüßt die Entschuldigung wenige Tage später ausdrücklich – die Behörden der Republika Srpska hätten ein Beispiel dafür gegeben, wie man sich der schmerzhaften Vergangenheit des Krieges stellt.
Juli 2005 – Der erste Marš mira: Seither folgt der Friedensmarsch jedes Jahr der Route des Todesmarsches in umgekehrter Richtung – von Nezuk nach Potočari. Aus wenigen hundert Teilnehmern der ersten Jahre sind inzwischen regelmäßig mehr als 6.000 geworden, aus Bosnien-Herzegowina und der ganzen Welt.
26. Februar 2007 – Der Internationale Gerichtshof bestätigt: In Srebrenica wurde Genozid verübt. Serbien wird nicht als direkt verantwortlich verurteilt, hat aber gegen die Pflicht verstoßen, den Genozid zu verhindern. Im selben Jahr erlässt der Hohe Repräsentant Christian Schwarz-Schilling das Gesetz über das Memorial Center.
2008 / 2011 – Die beiden Hauptverantwortlichen werden nach Jahren auf der Flucht gefasst und nach Den Haag überstellt: Radovan Karadžić (2008), der politische Führer der bosnischen Serben und Kriegspräsident der Republika Srpska, und Ratko Mladić (2011), der Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee. 2011 stellt der Verein „Gračaničko keranje“ zudem die Blume von Srebrenica vor.
2013 – Das jüngste Opfer wird beigesetzt: das Neugeborene Fatima Muhić. Sie kam in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1995 in der UN-Basis von Potočari zur Welt und starb noch in derselben Nacht. Erst 2012 wurde sie identifiziert; ihren Namen bekam sie zur Beisetzung – achtzehn Jahre nach ihrem Tod erfüllte sich der Wunsch ihrer Mutter, sie Fatima zu nennen. Sie ruht neben ihrem Vater, der auf dem Todesmarsch ermordet wurde.
Juli 2015 – Zum 20. Jahrestag scheitert eine UN-Resolution zum Genozid am Veto Russlands.
2016–2021 – Karadžić und Mladić werden rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt – wegen Genozids in Srebrenica. 2021 stellt der Hohe Repräsentant Valentin Inzko die Leugnung des Genozids in Bosnien-Herzegowina unter Strafe.
August 2018 – Rückfall in die Leugnung: Das Parlament der Republika Srpska verwirft den Kommissionsbericht von 2004 und fordert die Regierung auf, ihn für nichtig zu erklären. Die Entschuldigung von damals ist damit faktisch zurückgenommen. Der UN-Sonderberater für Genozidprävention, Adama Dieng, nennt den Schritt einen Rückschritt für Bosnien-Herzegowina – die Erkenntnisse der Kommission seien längst durch Urteile internationaler und nationaler Gerichte bestätigt.
2019 – Der Oberste Gerichtshof der Niederlande bestätigt eine Teilhaftung des niederländischen Staates für den Tod von rund 350 Männern, die von der UN-Basis in Potočari weggeschickt wurden.
November 2022 – Ramiz Nukić, der „Knochensammler von Kamenica“, stirbt mit 63 Jahren. Er hatte über zwei Jahrzehnte die Überreste von rund 300 Menschen in den Wäldern gefunden.
Mai 2024 – Die UN-Generalversammlung erklärt den 11. Juli zum Internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid von Srebrenica.
Bis heute – Mehr als 6.700 Opfer ruhen im Memorial Center Potočari, rund 250 weitere auf lokalen Friedhöfen. Die Opfer wurden an 150 Fundorten exhumiert, darunter 77 Massengräber. Nach rund 1.000 Vermissten wird weiter gesucht. 54 Täter wurden zu insgesamt 781 Jahren Haft und fünfmal lebenslänglich verurteilt – und jedes Jahr am 11. Juli werden in Potočari neu identifizierte Opfer beigesetzt.
Diese Chronologie endet nicht. Jedes Jahr kommen neue Zeilen hinzu: neue Beisetzungen, neue Urteile – und leider auch neue Leugnung. Umso wichtiger ist es, die Daten zu kennen. Denn gegen dokumentierte Tatsachen ist Geschichtsrevisionismus machtlos.
Weiterlesen auf Lelas Welt:
– Warum die ganze Welt Srebrenica besuchen sollte
– Was du über Srebrenica wissen solltest – die wichtigsten Fakten
– Hatidža Mehmedović über den Genozid von Srebrenica
– Christian Schwarz-Schilling über Srebrenica
– Über die Blume von Srebrenica
Quellen (Auswahl): Urteile des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (Krstić 2001, Karadžić 2016/2019, Mladić 2017/2021); Urteil des Internationalen Gerichtshofs vom 26. Februar 2007; Amnesty International, „Srebrenica: Still Waiting for the Truth“ (EUR 63/003/2005); RFE/RL, „Bosnian Serbs Apologize For Srebrenica Massacre“ (10. November 2004); UN-Pressemitteilung SG/SM/9591 (15. November 2004); UN Office on Genocide Prevention zur Annullierung des Kommissionsberichts (2018); Institut für vermisste Personen Bosnien-Herzegowinas; Memorial Center Srebrenica-Potočari.
