Vom Bürgerkrieg zur Balkan-Blüte – wie Bosnien und Herzegowina zum Sehnsuchtsort Südosteuropas wurden

© Mirella Sidro

Im Schatten der kroatischen und montenegrinischen Nachbarn mit ihrer Prestige-Lage an der saphirblauen Adria fristeten Bosnien und Herzegowina lange einem Nischendasein. Zu unsicher erschien das Land in küstennah zweiter Reihe – zu dramatisch seine politische Vergangenheit. Ein Fehler? Mhmm, und was für einer! Denn während nebenan aus touristischer Sicht die Premium-Destinationen in Größenordnungen Luxus-Hotellerie aus dem Boden stampften, entwickelten sich Bosnien und Herzegowina still und heimlich zum ultimativen Balkan-Geheimtipp. Immerhin: Nur unter Druck entstehen Diamanten. So auch im Fall von Bosnien und Herzegowina, die heute Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien in Sachen Adriaglück wirtschaftlich ein wenig hinterherkrebsen, das Herz aber am rechten Fleck haben und mit inneren Werten bezirzen.

Wenn Du Dir selbst ein Bild dieses faszinierenden Reiseziels machen möchtest und wissen willst, warum es im Begriff ist, wie Phoenix aus der Asche zu steigen, lädt Dich dieses Bosnien-und-Herzegowina-Blog-Porträt zu einer Reise auf den Balkan ein.

Bremse Bosnienkrieg – warum Balkan-Tourismus in den 1990ern ein Fremdwort aus Bosniens und Herzegowinas Zukunftsträumen war

Bis heute lässt die politische Vergangenheit das bescheiden gebliebene Land gegenüber dem italienischen Stiefel nicht los. Allzu präsent sind die furchtbaren Bilder schussdurchsiebter Straßenzüge, die teilweise heute noch schmerzlich an den Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 erinnern.

Es ist der 1. März 1992, als eine Volksabstimmung in Bosnien-Herzegowina zugunsten der Unabhängigkeit von Jugoslawien entschied, was gegen den Willen bosnischer Serben geschah. Was zunächst in einen Wahlboykott überging, entwickelte sich zu einem der abscheulichsten Kriege Europas nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Bilanz von mehr als 100.000 geopferten Menschenleben und über 2 Millionen Vertriebenen. Rund 700.000 Menschen waren auf der Flucht und etwa die Hälfte schaffte es nach Deutschland. Ein Großteil der Flüchtlinge ist in den vergangenen Jahrzehnten wieder in die alte Heimat zurückgekehrt und ein verschwindend geringer Anteil der Schuldigen wurde überhaupt je verurteilt.

Dayton, eine Luftwaffenbasis in den USA, schloss 1995 ein Friedensabkommen, das die alten Konflikte allerdings nur einfror statt sie zu lösen. Das Resultat sind zwei Entitäten (selbstständige Landesteile), zu denen die Serbische Republik (Srbska) sowie die Kroatisch Bosniakische Föderation (Federacija) gehören. On top gibt es das Kondominium Brcko, eine Stadt, die von allen verwaltet wird, einen Sonderstatus innehat und von den erstgenannten Entitäten unabhängig ist. Außerdem existieren 10 Kantone, von denen heute jedes auf seine eigene Weise bezaubert. Von der EU sowie aus den USA gab es nach dem Bosnienkrieg Finanzhilfen in Milliardenhöhe und ein ganzer Schwung Diplomaten versuchte, die Ordnung wiederherzustellen. Obwohl sich das kleine Juwel vom Balkan noch immer nicht auf dem touristischen Premium-Level wie beispielsweise das mondäne Kroatien befindet, bezaubern Bosnien und Herzegowina mit einer bescheidenen Attitüde und einem unvergleichlichen Charme.

Aktuelle Sicherheitslage

Innenpolitisch betrachtet gilt die Lage in Bosnien und Herzegowina laut dem Auswärtigen Amt als stabil. Sollte es einmal zu Protesten kommen, sind diese grundsätzlich friedlich. Dennoch solltest Du vor allem im Hinblick auf das Zusammentreffen von Menschenmassen im Allgemeinen wachsam sein.

Unmittelbare Gefahr lauert abseits der befestigten Wege und das sogar im Einzugsgebiet der Hauptstadt Sarajevo. Noch immer gibt es Felder mit Landminen sowie Blindgänger, was besonders tückisch bei von Unwettern verursachten Erdrutschen ist. Da die Minenfelder dann möglicherweise zu wandern beginnen, sind entsprechende Hinweise meist nicht mehr erkennbar. Daher solltest Du unter keinen Umständen Experimente abseits der normalen, beschilderten Straßenführung wagen.

Klima in Bosnien und Herzegowina – die Mischung macht’s

Als südosteuropäische Destinationen in unmittelbarer Nähe zur Adria erwartet Dich in Bosnien und Herzegowina ein kontinentales bis mediterranes Klima. In den heißen Sommermonaten ist es nicht unüblich, dass das Thermometer auf bis zu 40 °C klettert. Im Winter hingegen können die Temperaturen sogar bis in den Minusbereich sinken. Wenn Du Bosnien und Herzegowina für Erkundungstouren bereisen willst (was übrigens absolut empfehlenswert ist), eignen sich die Übergangsmonate zwischen Sommer und Winter hierfür hervorragend. Als Alternative erwartet Dich ein Badeurlaub im einzigen Badeort Bosniens – einer geheimen Perle.

Bye-bye Massentourismus, welcome Bosnische Riviera – von geheimnisvollen bosnischen Stränden, die kaum einer kennt

Man muss schon mit dem Zoom über der Karte kreisen, um zu entdecken, dass Bosnien tatsächlich über einen Zugang zum Meer verfügt. Während der kroatische Nachbar einen beträchtlichen Teil der Adriaküste für sich beansprucht, mogelt sich Bosnien mit einem Nano-Piece auf Augenhöhe. Nach Monaco ist es mit verschwindend geringen 22 km weltweit die zweitkleinste Küstenlinie, die der Meeresgott je gesehen hat. Neum ist der Name der einzigen Küstenstadt, die Bosnien zu bieten hat. Touristen im benachbarten Kroatien winken ab, wenn es um alternativ illustres Beachlife an der Adria geht. Du aber solltest jetzt Deine Lesebrille noch einmal gerade rücken, denn es erwartet Dich ein echter Geheimtipp: Im Badeort Neum verbringst Du den günstigsten Urlaub an der gesamten Adria. Wenn da nicht Dein Sparschwein vor Freude grunzt!

Bosnien unterbricht mit Neum die kroatische Küstenlinie. Die Territorien wurden während des osmanischen und österreichisch-ungarischen Reiches aufgeteilt. Über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten stand Bosnien unter der osmanischen Besatzung. Die österreichisch-ungarische Herrschaft hingegen übernahmen Dalmatien und Kroatien. Heute ist die antike Grenze beider Reiche jene zwischen Kroatien und Bosnien. Da kaum einer dieses Juwel am Adriatischen Meer auf dem Schirm hat, kannst Du dem benachbarten Massentourismus die kalte Schulter zeigen. Die Strände um Neum werden hauptsächlich von Einheimischen besucht, so dass Du hier insbesondere in den Abendstunden auch mal allein mit Gott und der Welt sein darfst. Du kannst nicht schwimmen oder möchtest mit Deinen Kindern einen Badeurlaub verbringen? Hier floatest Du bei einem flachen Einstieg ins Meer. Naturkiesel übernimmt inbegriffen die Massage verwöhnhungriger Leiber.

5 + 1 = WOW – diese bezaubernden Hotspots in Bosnien und Herzegowina lassen Dein Herz höher schlagen

Neben der kulturell mehr als eindrucksvollen Hauptstadt Sarajevo findest Du in Bosnien und Herzegowina Orte, die Dir einen kunterbunten Strauß an Momenten zum Staunen offerieren. Fünf von ihnen verdienen sich ihren Platz in diesem Kurzporträt. Schnüre Deine Entdeckertreter und begib Dich auf Pfade, die sich vom Massentourismus lossagen.

Mostar – ein Kleinod wie dem Märchenbuch entsprungen

Sie ist – wie könnte es auch anders sein – Teil des UNESCO Weltkulturerbes: In der Altstadt des Städtchens Mostar verschmelzen pittoreske Gassen mit träge in sich selbst versunkene Steinhäuschen. Kannst Du ihr Murmeln schon hören? Sie erzählen Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit. Dass das Leben im Hier und Jetzt spielt, verrät der gemächliche Strom des Flusses Neretva. Sein türkisfarben geführtes Wasser hält perfekt mit dem aus der Südsee mit. Nahezu legendär und charakteristisch für das Bild des Ortes ist die Brücke von Mostar. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und fiel dem Bosnienkrieg 1993 zum Opfer. Heute ist sie mit ihrer alt-osmanischen Aura nach antikem Vorbild wiederhergestellt.

Kravica Wasserfälle – balkanisches Tropenfeeling

Auf 28 Metern geht es für die Wassermassen der Kravica Wasserfälle im Dörfchen Studenci hinab. Sie münden in einem Becken, welches Du sogar bebaden kannst. Eine echte Seltenheit angesichts der Tatsache, dass die Fälle selbst unter Naturschutz gestellt wurden. Hier badest Du jedoch nicht nur im Wasser, sondern rings um deinen hitzegeschwängerten Leib auch in einer satten Vegetation, deren Grün für Deine Augen pure Erholung ist. Apropos Hitze: Das Wasser der Fälle kommt auf maximal 15 Grad und wird Dir die in den Sommermonaten heiß ersehnte Erfrischung spenden. Die tosenden Wasserwirbel fallen wie ein Schleier auf einer Breite von etwa 120 Metern. Aber Vorsicht: Das Springen von den Wasserfällen kann durch die im Becken befindlichen Felsen lebensgefährlich sein!

Altstadt von Trebinje – mediterranes Zypressen-Idyll

Für einen Slow-down bietet Dir die Altstadt der südöstlichen Stadt Trebinje alles, was Du brauchst. Schatten für Deine hitzegeröteten Wangen und Kultur fürs Herz gönnst Du Dir in der Hercegovacka Gracanica, der altehrwürdigen Kirche zur Allerheiligen Gottesmutter. Über der Stadt – auf einem Hügel sitzend – kannst Du die faszinierende Klosteranlage besichtigen und ein atemberaubendes Panorama über die Dächer Trebinjes bei Sonnenuntergang memorieren. Ein wahrhaft perfekter Ort, um dem Alltag bei Eiscreme und einem Bummel durch lauschige Gassen sowie über antike Plätze zu entschleunigen.

Sisman-Ibrahim-Pasa-Moschee in Pocitelj – alabasterfarbenes Juwel im Hinterland

Wildromantisch am Rande von Obst- und Gemüsegärten sowie jenseits wuchernder Wildblumen thronend, ist die Sisman-Ibrahim-Pasa-Moschee der ganze Stolz des bosnisch-herzegowinischen Dörfchens Pocitelj. Bei einer Wanderung entlang einsamer Pfade begegnest Du einem freundlichen Völkchen, für welches Du eines der Highlights des Tages bist. Im Tal schlängelt sich der Neretva mit seiner türkisfarbenen Kutte und die von schillerndem Grün umgebenen Felsen sind mit malerischen Steinhäuschen gespickt. Außerdem findest Du hier hoch oben die alte Festung von Pocitelj sowie im Gavrenkapetanovic-Haus eine nach dem Bosnienkrieg rekonstruierte Künstlerkolonie.

Blagaj – blubbernde Buna-Quelle und beeindruckendes Derwisch-Kloster

Schroffe Karststeinklippen und Bäume, die sich wie Riesen in den Himmel schrauben, rahmen das Ufer rund um die Quelle des Buna Flusses in Bosnien und Herzegowina. Inmitten dieser von der Natur dramatisch in Szene gesetzten Gegend umarmt das Tekija-Kloster die rauen Felsüberhänge. Es wurde vor rund 600 Jahren von Derwischen gegründet. Wenn Du wissen willst, was es mit der Wohnkultur der Türken auf sich hat, findest Du heute hier ein solches Museum. Vom alten Kloster ist noch ein Bruchteil übrig geblieben, den Du unbedingt mit Deiner Kamera festhalten solltest. Um zur Buna-Quelle zu kommen, schwingst Du Dich in ein Boot, welches Dich in die kleine Höhle, in der die Buna entspringt, bringt. Hajde!

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„Such Dir eine Aufgabe die Du liebst und Du wirst nie wieder arbeiten müssen.“ Konfuzius hat recht! Schon seit meiner Kindheit immer auf großer Fahrt von Augsburg nach Sarajevo ist diese Leidenschaft fürs Reisen bis heute geblieben. Und das obwohl... [mehr über mich]

1 Kommentar

  1. Safeta Obhodjas
    Autorin
    http://www.safetaobhodjas.de

    Liebe Lela,
    ich schreibe Ihnen aus Deutschland, wo ich seit vielen Jahren als freiberufliche Schriftstellerin lebe.
    Ich habe zufällig Ihren Reiseblog entdeckt! Alle Achtung, mit den Worten malen Sie wirklich ein schönes Mosaik dieser Halbinsel, auf der sich so viele Kulturen und drei große Weltreligionen treffen.
    Ich habe nur eine kleine Bitte an Sie: In Ihrem Text über Bosnien und Herzegowina haben Sie das Kloster in Fojnica (Franjevacki samostan) nicht erwähnt. Dort gibt es ein Museum der Franziskaner, das die Geschichte Bosniens bewahrt. Meine Freundin, eine Historikerin, hat mir gesagt, wann immer sie etwas aus der Historie unseres Landes recherchierte, begäbe sie sich nach Fojnica und Vares. Fojnica ist übrigens auch ein Kurort.

    Hvala puno! Dankeschön! Über mich können Sie mehr, wenn Sie mögen, im Internet finden.

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